AUSSTELLUNGEN

Natascha Pohlmann

THE LIVING PHOTOBOOK

Eine mediale Kontextualisierung des Fotografischen

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Ein Museum für das Fotobuch

Am liebsten hätte Markus Schaden sein PBM dauerhaft im Kölner Carlswerk installiert (Abb. 1). Dass die Ausstellungen der Carlswerk Edition im Herbst wieder abgebaut und in Containern verstaut wurden, war zunächst nicht so gedacht gewesen: Ein Fotobuchmuseum mit festem Standort sollte errichtet werden, wovon sich die Stadt Köln bedauerlicherweise nicht überzeugen ließ. Da Not bekanntlich erfinderisch macht, entwickelten Markus Schaden und sein Team einen Projektplan, der in vier Stufen dennoch zum anvisierten Ziel führen soll.

Das erste Etappenziel wurde bereits mit der Errichtung eines temporären Museums im Carlswerk erreicht, anlässlich dessen im Verlag Kettler auch The PhotoBookMuseum Cataloque Box, ein mit 24 Publikationen bestückter Schuber, erschien [2]. In einem zweiten Schritt wurde das Museum dann so mobil wie das Medium Fotobuch selbst, um die Idee eines Fotobuchmuseums in die Welt zu tragen und international zu bewerben. Nicht ohne Grund ist die Sprache des PBM Englisch [3]. Ein Kuratorium aus international renommierten Fotobuch-Experten sorgt dabei für die nötige Strahlkraft [4]. In Cargo-Containern verstaut, kann das PMB an verschiedenen Orten ganz oder nur in Teilen, in ursprünglicher oder modifizierter Form installiert werden. Im Rahmen des Krakow Photomonth Festival 2015 präsentierte The PhotoBookMuseum beispielsweise eine neue, von Markus Schaden kuratierte Ausstellung zum Festivalthema „Konflikt“: In der Ausstellung TRACK-22 wurden vom 14. Mai bis 14. Juni 2015 in der Galeria Bunkier Stzuki neun Fotobücher aus Namibia, der Ukraine, der Türkei, Chile, Israel-Palästina, Deutschland und Kanada vorgestellt [5].


„Photobooks open us new windows
to the world, through which there remains
much to discover. [...] What could be
more logical than dedicating a museum
to the photobook?“

Christoph Schaden


Sechs bereits in Köln gezeigte Ausstellungen werden vom 11. bis 20. September 2015 auf dem Fotobokfestival in Oslo zu sehen sein [6]. Weitere Anfragen von Veranstaltern aus Arles, Los Angeles, Paris, Istanbul, Johannesburg und Jakarta liegen vor [7]. Als dritte Stufe ist an ein Online-Museum gedacht, das 24 Stunden am Tag besucht werden kann. Wo sich das physische Museum, das dann auch über eine eigene Sammlung verfügen soll, tatsächlich niederlassen kann, soll sich 2015 zeigen. Ob dies tatsächlich, wie es die vierte Stufe des Masterplans vorsieht, 2016 der Fall sein wird, bleibt abzuwarten [8].

Die Carlswerk Edition

Die Kölner Carlsberg Edition konnte ohne öffentliche Gelder realisiert werden, da die Teammitglieder zunächst erfolgreich im Freundes- und Kollegenkreis, aber auch über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, um – nicht nur finanzielle – Unterstützung für ihr Ausstellungsprojekt geworben hatten. Die Berliner Immobiliengesellschaft BEOS-AG, welche das Gelände in Köln-Mülheim verwaltet, stellte die 6 000 m große Kupferhalle für 48 Tage mietfrei zur Verfügung. Um die Kosten für Logistik, Material (Ausstellungsbauten und Container), Werbemittel und Honorare stemmen zu können, rief Markus Schaden im April 2014 eine globale Crowdfunding-Kampagne bei indiegogo.com ins Leben, die zwei Monate später abgeschlossen wurde [9]. 237 Menschen unterstützten das Projekt finanziell, wodurch 27.000 Euro zusammenkamen [10].

Der Ort für die Preview eines solchen Museums, das keine verstaubte Institution sein will, war mit Bedacht gewählt, denn mit seiner Mischung aus revitalisierter Industriearchitektur und zeitgenössischem Design versprüht das Carlswerk-Gelände in Köln-Mülheim einen hippen Charme. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Medienunternehmen, Werbeagenturen und jungen Galerien, dem Schauspiel Köln und seinem Urban-Gardening-Projekt zieht dieser Ort ein junges Publikum an.

Mit 13 500 Besuchern innerhalb weniger Wochen konnten die Organisatoren des PBM im Oktober 2014 eine Erfolgsbilanz ziehen [11].

Das Fotobuch als Kunstwerk

Für die Macher des PBM ist das Fotobuch nicht nur eine, sondern ‚die‘ zentrale Ausdrucksform der Fotografie. Mit der Auswahl und Bestimmung der Reihenfolge der Bilder, deren Größe und Anordnung durch Fotograf oder Editor, sowie die Kombination von Schrift, grafischen Elementen, Papier, Bindung und Umschlag werde eine künstlerische Aussage erzeugt, die charakteristisch für das Medium Fotobuch sei. Das Fotobuch ließe sich so vom Bildband abgrenzen, der lediglich eine Ansammlung von Fotos vereine [12]. Den Begriff Fotobuch definieren sie damit recht weit und begreifen Fotobücher als mobile Ausstellungen und eine Art „visuelles Esperanto“ [13]. Untermauert wird diese Auffassung durch die wachsende Anzahl wissenschaftlicher Publikationen zum Medium Fotobuch, die Etablierung von Fotobuchsektionen auf Buchmessen und Fotografie-Festivals sowie nicht zuletzt die Sammlungspolitik von Museen wie etwa der Tate Modern oder des Museum of Fine Art in Houston, die in den letzten Jahren Fotobuchsammlungen ankauften [14].

Von grundlegender Relevanz für das PBM sind ebenfalls die zahlreichen Bücher über Fotobücher, welche in den letzten fünfzehn Jahren erschienen sind. In diesen meist von Sammlern oder Fotografen herausgegebenen Publikationen werden Fotobücher auf ihren Entstehungszusammenhang, ihre Verbreitung, den Einfluss sowie auf ihre historische Bedeutung hin untersucht und durch Reproduktionen des Einbandes und einiger Doppelseiten visuell vorgestellt [15]. Dies trug einerseits dazu bei, dass Fotobücher seither verstärkt als künstlerische Werke wahrgenommen werden und andererseits, dass sie zu populären Sammlerobjekten avanciert sind. Auf den Forschungsergebnissen dieser Bücher bauen die Ausstellungen und das Vermittlungsprogramm des PBM auf.

Fotobücher ausstellen

Um dem Fotobuch als künstlerischem Medium in Ausstellungen gebührend Rechnung zu tragen, bedarf es einiger Anstrengung und Kreativität. Denn um Aufbau, Konzept und Intention eines Fotobuches zu begreifen, sollte es in die Hand genommen und erblättert werden können. Eine Folge des Aufstieges des Fotobuches zum Kunstwerk ist jedoch, dass es in der Regel nicht mehr durch die Besucher angefasst werden darf. Was im Buchhandel, in Sammlungen, Archiven und Bibliotheken noch möglich ist, bleibt im Ausstellungskontext ein Ideal, das häufig nur dann umgesetzt werden kann, wenn der noch lebende Künstler, die Künstlerin seine Zustimmung erteilt. Zweifelsfrei sind durch die Benutzung Beschädigungen am Buch zu erwarten, was in vielen Fällen aus konservatorischer (und versicherungstechnischer) Sicht ausgeschlossen werden muss. Daher werden Bücher in Museen in der Regel unter Glas in Vitrinen präsentiert. In der Zusammenstellung mit fotografischen Abzügen an der Wand erwecken sie so nicht nur den Eindruck lediglich Begleitmaterial zu sein, sie werden in der Tat zu solchem degradiert. So wurden in den letzten Jahren häufiger Versuche von Kuratoren oder Künstlern unternommen, Fotobücher anders zu präsentieren [16]. Ist ein Fotobuch beispielsweise noch verfügbar und preisgünstig zu erwerben, können mehrere Exemplare angekauft und so mitunter sogar alle Seiten eines Buches im Original nebeneinander aufgeschlagen gezeigt werden. Auch Blättervideos, in denen mal mit und mal ohne Ton Hände dabei gefilmt werden, wie sie durch die Seiten eines Buches gehen, erfreuen sich großer Beliebtheit. Was hierbei auf der Strecke bleibt, ist jedoch die haptisch-sinnliche Erfahrung beim Prozess des Durchblätterns. Eine Präsentationslösung, bei welcher Aufbau, Konzept und Intention von Fotobüchern für den Betrachter nachvollziehbar werden und die zudem deren Materialität berücksichtigt, ist die Anfertigung von Faksimiles als Ausstellungskopien. Im PhotoBookMuseum werden nun nicht nur unterschiedliche Präsentationsmöglichkeiten von Fotobüchern vorgestellt, es wird auch gezeigt, welche ergänzenden Formen der Vermittlung von Inhalten und Entstehungsgeschichten möglich sind. Ganz ohne Vitrinen kommt aber auch das PhotoBookMuseum nicht aus.

30 Ausstellungen – 300 Bücher

Inhaltlich, jedoch nicht räumlich, gegliedert ist das Museum in sechs Sektionen, denen verschiedene Ausstellungen und Präsentationsformen zugeordnet sind [17]. Nicht immer ist diese Zuordnung ganz nachvollziehbar und wird von Seiten des Museums auch widersprüchlich kommuniziert [18].

Unter dem Stichwort „PhotoBookHistory“ wurden im Carlswerk zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen gezeigt. Über eine Rampe im Eingangsbereich des Museums gelangten die Besucher in das Untergeschoss der Halle, welches von Markus Schaden ironisierend „die Gruft“ genannt wurde. Die hier installierte Ausstellung war dem letzten Buch des 1971 verstorbenen Kölner Fotografen Chargesheimer gewidmet, das nach seinem Tod Kultstatus erreichte. Angelehnt an die von L. Fritz Gruber auf der photokina 1970 ausgerichtete Ausstellung zu Chargesheimers Arbeit Köln 5 Uhr 30, hingen hier lange Planen mit aufgedruckten Fotografien aus dem Buch von der Decke und erweckten den Eindruck, durch die Seiten des Buches oder gar durch die Stadt laufen zu können (Abb. 2). Die Rezeption des Buches wurde mit dem Projekt Chargesheimer. Köln 5 Uhr 30. A Book-History Reconstructed: Photokina 1970 erneut in den Blick genommen. Über vierzig Jahre nach Erscheinen der vorbildgebenden Publikation wurden die Bewohner der Stadt über die Presse dazu aufgerufen, morgens um 5:30 Uhr die (leeren) Straßen Kölns zu fotografieren und ihre Eindrücke an die Initiatoren der Aktion zu schicken. Die besten von ihnen wurden im PBM präsentiert und ebenfalls als Buch herausgeben [19]. Durch diese Mitmachaktion weckten die Organisatoren einerseits bereits im Vorfeld der Eröffnung Interesse für das PBM und setzten gleichzeitig ein lokalpatriotisches Statement an den Anfang ihres Projektes.

Eine andere Präsentation in der Sektion war weit vom Eingang entfernt zu sehen: Mit Martin Parrs und Gerry Badgers The Photobook: A History. Volume III, dem im Frühjahr 2014 erschienenen letzten Teil der unmittelbar zum Standardwerk avancierten Trilogie, wurde ein Buch über Fotobücher vorgestellt, das sich mit Blick auf die künstlerischen und politischen Hintergründe der Entstehung, Funktion und Wirkung von über 200 ausgewählten Fotobüchern aus der Zeit von 1945 bis zur Gegenwart widmet (Abb. 3). Wie seine Vorgängerbände definiert es einen Kanon für Fotobuchsammler und bespricht auch sechs Werke von Fotografen, die im PBM präsent sind: Stephen Gills Coexistence (2012), Cristina de Middels The Afronauts (2012), Ricardo Cases Paloma al Aire (2011), David Alan Harveys (based on a true story) (2012) und Susan Meiselas In History (2008) sowie das 2009 mit dem Reinhard-Wolf-Preis ausgezeichnete und im „ReadingRoom“ präsentierte Leporello Beyond Borders (2008) des Fotografen und PBM-Team-Mitglieds Frederic Lezmi. An einer Wand im hinteren Bereich der Halle waren die 320 Seiten des dritten Bandes als fortlaufender Fries tapeziert worden, so dass die Besucher an den einzelnen Kapiteln des Buches im Raum entlanggehen konnten, statt durch die vielen Seiten zu blättern. Ergänzt wurde die Präsentation durch eine im Juni 2014 anlässlich des Bristol Photobook Festivals von Martin Parr und Gerry Badger getroffene Auswahl von 19 weiteren Büchern, die in der Katalogbox als Faltblatt publiziert worden war.

In der Sektion B „NewDocuments“ wurden die Konzeptionen von elf aktuellen, preisgekrönten Fotobüchern vorgestellt, deren erste Auflagen heute zum Teil bereits vergriffen oder nur noch teuer zu erwerben sind. So gab Cristina de Middel 2012 im Selbstverlag das Fotobuch The Afronauts heraus, das sie in einer Auflage von 1 000 Exemplaren für 28 Euro verkaufte und welches heute für bis zu 2.000 Dollar gehandelt wird [20]. Die vielfach erprobte Verwendung von Cargo-Containern als mobile Ausstellungsräume erwies auch hier ihren Nutzen und schuf in der weitläufigen, unübersichtlichen Halle intime Räume, die sich zur konzentrierten Präsentation der einzelnen Buchprojekte gut eigneten (Abb. 4). In der Präsentation von Andrea Diefenbachs Land ohne Eltern (2012) wurden Fotografien an den Wänden der Container, aufgeschlagene Zeitschriften in Vitrinen und ein Video gezeigt, durch welche die Besucher mehr über das Projekt der Künstlerin erfahren konnten. Das Buch lag ebenso zum Blättern bereit, wie das Fotobüchlein The Pigs von Carlos Spottorno aus dem Jahr 2013. Vor dem mit Teppichboden ausgelegten Container seiner Ausstellung lag eine Fußmatte mit dem Aufdruck „Welcome“. Der Ausstellungsraum erweckte den Eindruck eines Büroraumes mit (gerahmten) Fotografien an den Wänden. Aber auch der Zufall kam den Ausstellungsmachern bei der Installation der vielen Ausstellungen, die zuweilen etwas wild in der Halle verstreut schienen, zu Hilfe. So diente ein alter Sicherheitskäfig als Vitrine für Ricardo Cases Ringbuch Paloma al Aire, das 2014 in der 2. Auflage erschien und eine Hommage an den spanischen Taubenrennsport ist, bei dem die Besitzer das Gefieder ihrer Vögel farbenfroh bemalen (Abb. 5) [21]. Einen passenderen Raum als diesen Käfig hätte man nicht extra bauen können. Doch nicht immer konnten vorgefundene Architekturelemente der Halle so nutzbar gemacht werden wie in diesem Fall. Mit Metallplatten abgedeckte Öffnungen im Boden, Stahlträger und eine in das Untergeschoss führende Rampe erweckten eher den Eindruck eines Parcours, denn eines Ausstellungsrundgangs.

Besonders aufwendig in Szene gesetzt wurde JulianGermains Buch For every minute you are angry, you lose sixty seconds of happiness (2005), das von einem privaten Fotoalbum inspiriert ist. Im Eingangsbereich des Museums wurden die auf drei Meter Höhe vergrößerten Ansichten des Buchcovers und einiger Doppelseiten auf Ausstellungswände aufgebracht, die als freistehende, an gigantische Buchkörper erinnernde Objekte einen Blickfang darstellten (Abb. 6) [22]. Das ausgelegte Buch wurde kontextuell von Fotografien aus dem Buch, die an den Wänden präsentiert wurden und von originalen Fotoalben und Büchern, die auf Sockeln unter Glas verwahrt wurden, gerahmt.

Einen neuen Zugang zu Fotobüchern möchte Markus Schaden mit den in Sektion C vorgestellten „PhotoBook-Studies“ vermitteln, die er selbst entwickelte, in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) umsetzte und 2010 auf der photokina erstmals präsentiert hatte [23]. Generell aber wurde die Einfluss-, Entstehungs- und Editionsgeschichte einzelner Fotobücher von einzelnen Kuratoren des PBM oder den Künstlern selbst aufgearbeitet und in Form großer handgezeichneter oder geklebter Mindmaps, Schaubilder und Cluster auf schwarzen Tafel-Wänden und Boden-Feldern visualisiert (Abb. 7) [24]. In der Carlswerk Edition widmeten sich vier dieser Studien je einem Buch, eine fünfte stellte die gesamte Fotobuchproduktion des japanischen Fotografen Daido Moriyama vor.

Die vom schwedischen Fotografen Anders Petersen im Fotobuch Café Lehmitz portraitierte gleichnamige Hamburger Kneipe wurde im PBM 1:1 in Schwarz-Weiß nachgebaut [25]. Auf ihrer Rückseite wurde die im Buch erzählte Geschichte nachgezeichnet (Abb. 8) und so der Versuch unternommen, ein Fotobuch als Raumrekonstruktion auszustellen, um es noch erfahrbarer und lebendiger zu machen.

Anhand der von Todd Hido selbst kuratierten Präsentation Excerpts from Silver Meadows konnte der Besucher den Prozess seines Buchmachens nachvollziehen. Bilder wurden hier mit mehr Bildern erklärt, wobei das 2013 erschienene Buch Seite für Seite auseinandergenommen wurde. Der Fotograf öffnete seinen ‚Werkzeugkasten‘, sein editiertes Material, und erläuterte wie er zu einer bestimmten Form fand.

Die Sektion D „ProjectWork“ führte in drei sehr unterschiedliche internationale Projekte ein. In Auszügen wurden einige Bücher des chinesischen Fotografen Jiang Jian vorgestellt, und auch der Fotograf Hans-Jürgen Raabe präsentierte den momentanen Stand seines auf eine Dauer von zehn Jahren angelegten Projektes 990 Faces (seit 2010) und gab während eines Künstlergesprächs dem interessierten Publikum nähere Auskunft hierüber.

Das Herzstück dieser Sektion jedoch war die sehr umfassende Arbeit an dem Projekt The La Brea Matrix, das bereits 2009 initiiert und 2011 im Sprengel Museum Hannover vorgestellt worden war und nun in Köln weitergeführt wurde [26]. Die in Köln ausgestellten Fotografien des im Untertitel als Lernen von Las Vegas und sechs deutsche Fotografen bezeichneten Projekts bilden zusammen mit dem aus gefundenen Negativen resultierenden Projekt Studio LA-X von Klaus Weidner die „Extended Version“ des 2009 begonnenen Projektes um Stephen Shores Fotografie Beverley Boulevard and La Brea Avenue (1975). Die Fotografie diente sechs deutschen Fotografen als Ausgangspunkt für eine Reise nach Los Angeles mit dem Ziel, dem berühmten Bild nachzuspüren und ihm einen weiteren Kontext zu geben [27]. Ursprünglich von Markus Schaden als Fotobuch-Studie begonnen, wurden in Köln Fotografien, Dokumente, Informationen, Fotobücher und szenische Requisiten – wie ein amerikanisches Polizeiauto (Abb. 9) – zu einer großen Mindmap verwebt. Stapel von Fotobüchern verschiedener Autoren zum Thema Los Angeles dienten der Visualisierung der Wirkungs- und Einflussgeschichte des Bildes. Damit nicht allein der Eindruck einer skulpturalen Repräsentanz der Buchproduktion zum Thema bleibt, wäre eine Auflistung der Bücher oder eine Recherchestation für die Besucher wünschenswert gewesen.

Die Sektion E widmete sich den Sammlungen von Cäcilia und Walter Zöller, Bernd Detsch, The Klobes-Tielsch und dem Buch-Referenz-Projekt Revisited: Marks of Honour – A Striking Library Project 1-2 (2005, 2008), in dem zeitgenössische Fotografen dazu aufgerufen wurden, je ein Buch zu benennen, das sie besonders inspiriert und geprägt habe [28]. Da das PBM bisher noch über keine eigene Sammlung verfügt, boten die in der Carlswerk Edition vorgestellten Sammlungen einen Vorgeschmack darauf, wie ein zukünftiger Sammlungsbestand aussehen könnte. Mit Hilfe eines solchen könnten dann auch mehr Fotobücher aus der Zeit vor 1945 gezeigt und in eigenen Ausstellungen inszeniert werden, worauf die Besucher der Carlswerk Edition noch verzichten mussten.

Unter der sehr allgemein als „SpecialRooms“ bezeichneten Sektion F wurden neben einer Druckwerkstatt und einer Dunkelkammer auch das Buchlabor der FH Dortmund und der vom Fotobuchfestival Kassel kuratierte „ReadingRoom“ gefasst. Im leider ohne Sitzmöglichkeiten ausgestatteten Lesesaal fungierten Klimakisten als improvisierte Tische für Bücher der letzten zehn Jahre, die mit Drahtseilen vor Diebstahl gesichert am Tisch befestigt waren (Abb. 10). Interessanterweise war jedoch zu beobachten, dass einige Besucher, anstatt Bücher zu entwenden, dafür sorgten, dass sich der Bestand des PBM vermehrte, indem sie eigene Fotobücher und Ephemera zu den ausgewählten und preisgekrönten Büchern legten, was bei der großen Anzahl der Bücher nicht sofort auffiel.

Wer nach dem Ausstellungsbesuch Lust bekam, sich unter anderem ein Fotobuch der im Museum präsentierten Künstler zu kaufen, konnte im Buchladen von Artbooks Online am Rand der Halle fündig werden. Im Container des Dortmunder Buchlabors wurde über Bücher mit Fotografie nachgedacht, von denen neun auf ihre Produktionsvoraussetzungen, Motivation, Gestaltung und Form hin untersucht und unter Berücksichtigung eines eigens entwickelten Kriterienkataloges zur Beurteilung von Fotobüchern analysiert wurden (Abb. 11) [29]. Auch hier durften Bücher in die Hand genommen und erblättert werden, es wurden aber auch Blättervideos auf flachen Bildschirmen gezeigt. Leider überlappten sich die Öffnungszeiten des Buchlabors mit denen des Museums nur zum Teil, weshalb sich der Container häufig verschlossen fand. Die Carlswerk Edition bot aber auch ohne dies mit ihrem täglich wechselnden Programm, den informativen Führungen, Künstlergesprächen, Workshops, Sonderveranstaltungen und der einladenden Bar des Café Lehmitz viele Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs über Fotografien und Bücher an einem Ort, an dem das eine genauso groß geschrieben wurde wie das andere.

Anmerkungen[1] Das PhotoBookMuseum war vom 19. August bis 12. Oktober 2014 im Carlswerk, Köln-Mülheim, geöffnet.

[2] Die Publikationen haben die Form von Faltblättern, Postern, Broschüren und Leporellos und waren während der Ausstellungsdauer auch einzeln für wenige Euro im PBM zu erwerben. Sie nehmen jedoch nicht immer direkten Bezug auf die in der Carlswerk Edition gezeigten Bücher, sondern weisen auch darüber hinaus auf andere Arbeiten der Künstler oder ähnliche Projekte hin. Die Katalogbox kann für 68 Euro über die Homepage des Verlag Kettler erworben werden.

[3] Das Programm, die Internetseite und die Begleittexte sowie die einzelnen Publikationen der Katalogbox sind zum Großteil (nur) in englischer Sprache verfasst.

[4] Zu nennen sind hier beispielsweise Gerry Badger (London), Julien Frydman (Paris), Darius Himes (San Francisco), Erik Kessels (Amsterdam), Thyago Nogueira (São Paulo) und Mariko Takeuchi (Kyoto).

[5] Vgl. Pressemitteilung des PhotoBookMuseums, Mai 2015.

[6] Vgl. <www.fffotografer.no/index.php?option=com_fabrik&vi...> (zuletzt eingesehen am 22.07.2015).

[7] Vgl. Damian Zimmermann: „Das kann noch nicht alles sein“, in: L. Fritz, No.1 (2014), S. 20.

[8] Vgl. Pressemitteilung des PhotoBookMuseums vom 7. August 2014.

[9] Vgl. <https://www.indiegogo.com/projects/the-photobook-m...> (zuletzt eingesehen am 12.01.2015).

[10] Geworben wurde mit Boni wie reduzierten Eintrittsgeldern, Rabatten und namentlicher Nennung der Spender auf der „Founders-Wall“ des Museums.


Autorin

Natascha Pohlmann. M.A. Doktorandin im DFG-Graduiertenkolleg 1843 Das Fotografische Dispositiv, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, Johannes-Selenka-Platz 1, 38118 Braunschweig, Germany, natascha.pohlmann@gmx.de, http://dasfotografischedispositiv.de/?page_id=215