Erschliessung

Nicole Graf

CROWDSOURCING

Die Erschließung des Fotoarchivs der Swissair im Bildarchiv der ETH-Bibliothek, Zürich

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Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek

Die ETH-Bibliothek in Zürich besitzt mit rund drei Millionen Fotografien und anderen Bilddokumenten aus der Zeit zwischen 1860 und heute eines der größten historischen Bildarchive der Schweiz [1]. Thematische Sammelschwerpunkte sind Bildbestände mit unmittelbarem Bezug zur Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich wie Architektur und Bauwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Informatik oder Erd- und Umweltwissenschaften.

Bildmaterial aus Organisationseinheiten der ETH Zürich, von Privatpersonen oder Institutionen mit direktem Bezug zur ETH Zürich werden ebenso wie Bildbestände und -archive externer Stellen (Privatpersonen, Organisationen, Stiftungen, Firmen) übernommen. Die wichtigsten Konvolute von externen Stellen sind das im Jahr 2000 übernommene Archiv der ehemaligen Bildagentur Comet Photo AG mit rund einer Million Fotografien, das Bildarchiv der Stiftung Industriekultur mit rund 350 000 Aufnahmen, das zwischen 2014 und 2017 übernommen wird, oder das Fotoarchiv der ehemaligen Stiftung Luftbild Schweiz mit rund 355 000 Objekten.

Nebst der Bestandsbildung sind Erschließung, Digitalisierung, Vermittlung und Archivierung die klassischen Aufgabenfelder des Bildarchivs der ETH-Bibliothek. Für Erschließung, Digitalisierung und Vermittlung betreibt das Bildarchiv seit 2007 eine webbasierte Bilddatenbank Bildarchiv Online [2], diese ist Teil von E-Pics, der zentralen Bilddatenbank der ETH Zürich (www.e-pics.ethz.ch). Dahinter steht das Digital Asset Management System Canto Cumulus mit dem Webfrontend Sites. Im bibliothekseigenen Dienstleister und Kompetenzzentrum DigiCenter werden seit 2010 jährlich rund 32 000 Bilder mittels Hasselblad-Mittelformatkamera H3D-II mit 39 Megapixel-Rückteil und
HC 4/120 mm Macro-Objektiv digitalisiert und seit 2014 rund 50 000 Kleinbildmaterialien mit zwei Filmscannern des Typs Nikon Coolscan 5000 ED eingescannt.

Auf Bildarchiv Online sind rund 330 000 Bilder öffentlich zugänglich. Seit 1. März 2015 kann der größte Teil dieser veröffentlichten Bilder kostenfrei in verschiedenen Auflösungen (inkl. Hochauflösung im Dateiformat TIFF) heruntergeladen werden. Das Bildarchiv hat sich seit 2006 den Maßgaben von Open Access und nun auch Open Data verpflichtet und lizenziert diejenigen Bilder, deren Nutzungsrechte vollumfänglich bei der ETH-Bibliothek liegen, mit Creative Commons BY-SA 4.0 [3]. Diese Bilder können unter Angabe des korrekten Bildnachweises für wissenschaftliche, private, nicht-kommerzielle und kommerzielle Zwecke frei verwendet und bei Veränderungen unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden. Bei denjenigen Aufnahmen, deren Urheberrechte abgelaufen sind, vergibt das Bildarchiv den Public Domain Mark [4]. Diese gemeinfreien Bilder können für jeden beliebigen Zweck heruntergeladen und frei verwendet werden.

Nebst dem digitalen Zugang über die Bilddatenbank [5] werden die Bilder über weitere, auch klassische Kanäle vermittelt. Eine eigene Buchreihe mit dem Titel Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek hat zum Ziel, einzelne Bestände bekanntzumachen und durch eine gezielte Bildauswahl zusammen mit einem einführenden Text der digitalen Bilderflut entgegenzuwirken [6]. Im Weiteren werden einzelne Bilder regelmäßig im Blog ETHeritage: Highlights aus den Sammungen und Archiven der ETH-Bibliothek vorgestellt [7].

Bei der physischen Archivierung schließlich gilt der Grundsatz, dass die Originaldokumente gereinigt in archivgerechte Behältnisse umverpackt und im gesicherten Magazin gelagert werden. In frühen Digitalisierungsprojekten wurden die Scans zur Sicherung zusätzlich auch auf Mikrofilm ausbelichtet. Die Digitalisierung wurde primär zur Benutzung und Vermittlung der Bilder eingesetzt. Auf die Mikroverfilmung wird seit 2010 verzichtet. An ihre Stelle tritt das ETH Data Archive, das digitale Langzeitarchiv der ETH Zürich [8], das auf der Anwendung Rosetta der Firma Ex Libris basiert [9], die auf dem OAIS-Modell aufbaut.


Das Fotoarchiv der Swissair

Die ETH-Bibliothek übernahm das Fotoarchiv der Stiftung Luftbild Schweiz im Jahr 2009, und damit auch den Bildbestand der Swissair. Die Stiftung Luftbild Schweiz hatte seit mehreren Jahren mit potenziellen Partnern verhandelt, bis es schließlich zum Übernahmevertrag mit der ETH-Bibliothek kam. Das Fotoarchiv besteht aus 355 000 Bildern, inhaltlich wird zwischen zwei Teilen unterschieden:

– die von dem Flugpionier Walter Mittelholzer (1894–1937) initiierte Luftbildsammlung mit insgesamt 135 000 Schräg- sowie Senkrechtaufnahmen, die anschließend durch die Swissair Photo AG und später durch die Stiftung Luftbild Schweiz bis ins Jahr 2011 ergänzt wurde,
– und das Swissair-Fotofirmenarchiv mit rund 220 000 Fotografien.

Um die Aufarbeitung des Letzteren geht es im Folgenden.

Die Marketingabteilung der Swissair dokumentierte in den Bildmedien ab Mitte der 1930er-Jahre bis kurz vor der dem Konkurs vorausgehenden Stilllegung der gesamten Flotte im Oktober 2001 die technische und personelle Entwicklung der Swissair und ihrer Vorläufergesellschaften und auch den Arbeitsalltag ihrer Mitarbeitenden: Insbesondere die jahrzehntelange fotografische Inszenierung ließ die Swissair zu einem nationalen Symbol werden. Die Fluggesellschaft beschäftigte eigene Fotografen und arbeitete mit Werbeagenturen sowie mit freischaffenden Fotografen, beispielsweise mit den weltweit bekannten Schweizer Fotografen Georg Gerster oder Emil Schulthess. Diese stellten Bildmaterial für Werbung, Publikationen wie Bordmagazine, Personalzeitung oder Geschäftsberichte und auch ganz einfach zu Dokumentationszwecken her. Die Qualität dieser Bilder ist herausragend, wenn nicht sogar stilbildend in der konsequenten Reduktion auf wenige wesentliche Botschaften. In den technischen Abteilungen der Swissair fotografierten Angestellte technische oder betriebliche Details zur Dokumentation und internen Schulung, hier war die fotografische Qualität weniger wichtig [10].


Drittmittelfinanzierung

Die Übernahme des Bestands war an die Erfüllung des Stiftungszwecks gebunden: Sicherung des wertvollen Kulturgutes von nationaler Bedeutung, mit dem Ziel, die historisch und kulturell schützenswerten Bilder mittels technischer Maßnahmen zu erhalten, in geeigneter Form zu erfassen, zweckmäßig zu archivieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Für eine möglichst zeitnahe Aufarbeitung des gesamten Bestands wurden zusammen mit der Stiftung Luftbild Schweiz CHF 698.000 (ca. EUR 642.000) bei kantonalen Lotteriefonds eingeworben. Bei Gesamtprojektkosten von rund CHF 1,5 Mio. (ca. € 1,38 Mio.) betrug der Drittmittelanteil 46 %. Während der Projektlaufzeit von 2009 bis Ende 2013 arbeiteten insgesamt 22 temporäre studentische Hilfskräfte und drei Festangestellte regelmäßig mit. Sie leisteten insgesamt 26 100 Stunden, das entspricht 13 Vollzeitjahren.


Inventarisierung

Der erste Arbeitsschritt bei einer Bestandsaufarbeitung ist jeweils die Inventarisierung der Einzelbilder mit dem Ziel, den Gesamtbestand zu verzeichnen und zu quantifizieren. Dabei wird der Gesamtbestand zunächst auf vorhandene inhaltliche oder formale Gliederungen evaluiert. Im Swissair-Firmenarchiv wurden 13 Teilbestände identifiziert, die sich aus unterschiedlichen Bildformaten, Bildträgern wie Glasplatten oder Kunststofffilmen und inhaltlichen Bezügen wie etwa Reisedestinationen oder Betriebsdokumentationen ergeben haben. Jeder Teilbestand wird für sich bearbeitet und jedes Bild wird einzeln inventarisiert. Studentische Arbeitskräfte verzeichnen die vorhandenen Metadaten in einer Excel-Liste, säubern wenn nötig die Bildträger, verpacken die Bilder in archivgerechte Behältnisse und signieren sie nach vorgegebenem Schema (vgl. Abb. 3). Bei der Signierung wird eine im Bestand bereits vorhandene Inventarnummer oder Signatur soweit möglich und sinnvoll übernommen. Die Signaturen im ETH-Bildarchiv bestehen in der Regel aus drei Buchstaben (Präfix) und Ziffern: „LBS“ steht in dem Fall für den Bestand Luftbild Schweiz, „SR“ für die Teilbestände des Swissair-Firmenarchivs. Zusammengesetzt ergeben die Nummerierung des Teilbestands und die übernommene Inventarnummer beispielsweise die Signatur LBS_SR01-04616. Der Umfang des Gesamtbestands wurde bei der Übernahme zunächst auf 262 000 Bilder geschätzt und musste nach Abschluss der Inventarisierung auf 355 000 korrigiert werden – unter anderem, weil die Inventarisierung neue Teilbestände zum Vorschein gebracht hatte.


Digitalisierung

Im Anschluss an die Inventarisierung werden ausgewählte Bilder beim bibliothekseigenen Digitalisierungszentrum (DigiCenter) durch studentische Hilfskräfte digitalisiert. Bereits bei der Inventarisierung wird auf der Basis bestimmter Kriterien eine Auswahl getroffen. Es wird entschieden, ob ein Teilbestand digitalisiert wird und wenn ja, ob komplett oder nur auszugsweise. So wurde im Falle der Swissair-Bilder beispielsweise der älteste Bestand, das sind Schwarz-Weiß-Mittelformatnegative der Propagandaabteilung aus den 1930er-Jahren, komplett digitalisiert, denn inhaltlich gab es nur wenige Motivwiederholungen. Beim jüngsten Bestand, Schwarz-Weiß-Kleinbildnegativen ab 1970 mit Motiven überwiegend für die Mitarbeiterzeitschrift und für die interne Dokumentation, wurde eine Auswahl getroffen, denn es wurde großzügiger fotografiert, pro Motiv wurden mehrere, ähnliche Aufnahmen angefertigt. Im Allgemeinen lässt sich dieses Phänomen der anwachsenden Bestände bis heute beobachten: Je einfacher und verfügbarer die Technik und je erschwinglicher das Filmmaterial ist, desto mehr Bilder werden gemacht. Eine Entwicklung, die durch die digitale Fotografie und insbesondere die Smartphone-Fotografie nochmals beschleunigt wird. Die individuelle Bewertung wurde im Swissair-Bestand nach vorgegebenen Kriterien bereits beim Inventarisieren durch die studentischen Hilfskräfte vorgenommen. Es sollten jeweils die aussagekräftigsten und formal gelungensten Bilder aus einer Serie beziehungsweise Reportage ausgewählt werden. Wenn pro Motiv je ein Quer- und ein Hochformat vorhanden waren, wurden beide Aufnahmeformate digitalisiert.

Die Einzelbilder werden in der Regel mit 300 dpi bezogen auf A3 gescannt und im TIFF-Format abgespeichert. Bei den Swissair-Luftbildern wurde gar bezogen auf A2 gescannt, damit Nutzer und Nutzerinnen möglichst viele Details aus den Bildern herauslesen können. Die von der Hasselblad-Kamera ausgegebene RAW-Datei wird nicht archiviert. Die TIFF-Dateien werden gegebenenfalls invertiert und so wenig als notwendig in Adobe Photoshop bearbeitet, meist werden Kontrast, Helligkeit und Farbe nachbearbeitet. Am meisten Bearbeitung ist bei den Farbnegativ- und Farbdiapositiv-Filmen aus den 1960er- und 1970er-Jahren mit ersten Farbveränderungen im Original nötig. Mittels gezielter Photoshop-Schulungen durch Fachexperten aus der Druckvorstufe und der Fotografie und über fallbezogene Näherungsverfahren wurde eine effiziente, möglichst standardisierte Vorgehensweise erarbeitet, die von allen studentischen Hilfskräften im DigiCenter nachvollzogen werden kann [11].

Das angestrebte Gesamtprojekt soll von 70 000 digitalisierten Bildern wurde mit 138 000 Bildern bei Weitem übertroffen. Von den 220 000 Fotografien im Swissair-Firmenarchiv wurden rund 40 000 Bilder digitalisiert.


Erschließung mittels Crowdsourcing

Schon unmittelbar nach der Übernahme und während der Inventarisierung des Swissair-Bestands wurde klar, dass die vorhandenen Bildinformationen sehr knapp, lückenhaft oder gar fehlerhaft waren. Oft fehlten Orts- und Jahresangaben, genaue Flugzeugtypen, Gebäude, Ereignisse, Beschreibung der Tätigkeiten, oder wichtige Personen waren nicht identifiziert. Fast gleichzeitig mit der Bestandsübernahme meldete sich eine kleine Gruppe interessierter Swissair-Pensionäre im Bildarchiv für die systematische Beschriftung der Bilder. Die Idee hierzu hatte bereits bei der Vorbesitzerin des Fotoarchivs bestanden, konnte seinerzeit aber wegen fehlender personeller wie technischer Ressourcen nicht umgesetzt werden. Hilfe von außerhalb bei der Erschließung ist in Archiven nichts Ungewöhnliches. Neu ist hingegen, dass im Zeitalter von Internet und Web 2.0 andere Kooperations- und Arbeitsformen mit Experten und interessierten Laien möglich sind. Crowdsourcing hält als neue Form der Generierung und des Teilens von Wissen [12] im Sektor der Gedächtnisinstitutionen langsam Einzug [13].

Essenziell bei der erfolgreichen Umsetzung eines Crowdsourcing-Projekts ist das Auffinden und Motivieren kompetenter Kooperationspartner, der Crowd. Daher wurde die Zusammenarbeit mit den äußerst gut organisierten ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden gesucht. Mittels Aufrufen in den Zeitschriften Swissair News und Oldies News sowie an der alljährlichen Hauptversammlung der Pensionäre konnten ehrenamtlich Mitarbeitende für das Projekt gewonnen werden. Interessierte meldeten sich per E-Mail im Bildarchiv. Name und Adresse jedes Interessenten wurden in einer Excel-Datei erfasst. Jeder erhielt zusammen mit der Anleitung ein generisches Passwort für den Webzugriff auf die digitalisierten Bilder in der Bilddatenbank. Rund 130 Interessierte meldeten sich, durchschnittlich 40 arbeiteten bei der Beschreibung aller digitalisierten Bilder mit, ein halbes Dutzend davon intensiv und regelmäßig, zwei Pensionäre wurden intern zu den „Erschließungskönigen“ erkoren [14]. Die Kooperation mit den Swissair-Pensionären könnte man als „kontrolliertes“ [15] Crowdsourcing oder Experten-Crowdsourcing bezeichnen, bei dem nicht eine unbekannte Masse mittels offenem Aufruf zur Mitarbeit motiviert wird, sondern eine identifizierbare Gruppe von Experten.


Crowdsourcing-WorkflowAls erster Schritt wurden die Inventarlisten und die digitalisierten Bilder in die Bilddatenbank importiert und über die Bildsignatur zusammengeführt. Inspiriert durch das Projekt der Library of Congress auf Flickr Commons [16] wurden ab Dezember 2009 jeden Donnerstag 200 Bilder, später bei ausgiebigeren Reportagen 350 Bilder, in einem eigenen Datumsordner für die Swissair-Pensionäre online gestellt. Jeder Ordner blieb insgesamt acht Wochen online. Die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler konnten sich mit einem generischen Passwort direkt in jenen Teil der Bilddatenbank einloggen, in der die zu bearbeitenden Bilder mittels Live-Filtering online gestellt waren. Auf der Datenbank wurden die vorhandenen Metadaten (Titel, Autor, Datierung) angezeigt, diese konnten von den Pensionären nicht überschrieben werden. Im eigens für die Crowd eingerichteten Feld „Notizen“ konnten die ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden jedoch zusätzliche Informationen ohne strukturelle Vorgaben eintragen und mit dem persönlichen Kürzel, das aus den ersten drei Buchstaben des Nachnamens und dem ersten Buchstaben des Vornamens bestand, kennzeichnen. Dadurch war gewährleistet, dass bei Unklarheiten oder mehreren, sich widersprechenden Autoren, die Verfasser der Notizen in der Adressliste identifiziert werden konnten.

Die Mitarbeitenden des Bildarchivs haben in der Folge die unterschiedlichen Informationen verifiziert und redigiert. Die Ergänzungen wurden mit den vorhandenen Metadaten abgeglichen beziehungsweise auf die adäquaten Metadatenfelder verteilt (Titel, Beschreibung, Datum u. ä.), auf inhaltliche Konsistenz sowie Orthografie kontrolliert. Die Originalnotizen der Pensionäre wurden unverändert in der Datenbank belassen, die Originaltitel und Originalbeschreibungen der Bilder sind in den Inventarlisten nachvollziehbar. In der Bilddatenbank gibt es kein Feld „Originaltitel“.

Eindrückliche Informationsverbesserungen werden in den Bildbeispielen mit Vorher-Nachher-Titeln dokumentiert. So war ein Bild lediglich mit der lapidaren Information „Werkstatt“ überliefert. Nach der Bearbeitung konnte der Titel um ausführliche und wertvolle Angaben ergänzt werden: „Revision eines DC-3 Motors in der Motorenwerkstatt Dübendorf, Einbau der Kurbelwelle mit Gegengewicht in den Mittelteil des Kurbelgehäuses. Pratt & Whitney R-1830 Twin Wasp, 1937–1948“ (vgl. Abb. 4). Die Pensionäre scheuten teilweise keinen Aufwand. Der Pensionär, der eine abgebildete Stewardess namentlich identifizierte, kontaktierte sie zusätzlich, um die Hintergrundinformationen zu ihrer Person zu verifizieren (vgl. Abb. 1). Weitere wichtige Erschließungsquellen waren Swissair-Publikationen oder spezifische Aviatik-Literatur, die die Pensionäre für die Verifikation der Bildinformationen hinzuzogen. Andere Pensionäre arbeiteten aufgrund des eigenen Erinnerungsvermögens [17].

Schließlich wurden die Bilder durch die Mitarbeitenden des Bildarchivs mit weiteren Schlagworten auf Basis der Hausregeln versehen. Das Bildarchiv arbeitet mit einem selbst entwickelten Schlagwortbaum, der auf die jeweiligen Bestände zugeschnitten ist. Das bedeutete, dass mit der Bearbeitung des Swissair-Bestands der Schlagwortbaum-Ast „Luftverkehr“ ausgebaut werden musste. Wichtig war dabei der Wissenstransfer zwischen den Mitarbeitenden des Bildarchivs und den Pensionären, teils via persönliche Kommunikation, teils via Notizen. Dieses Swissair-‚Insiderwissen‘ leistete bei der Verfeinerung des Schlagwortbaumes unbezahlbare Dienste. Es wurden neue Schlagworte, wie die Matrikelnummer jedes einzelnen Swissair-Flugzeuges unter „Flugzeuge nach Herstellern“ (z. B. „Fokker 100, HB-IVA Aarau“), vermerkt, Arbeitsprozesse von der „Betankung“ bis zu „Zuschauer + Besucher“ benannt, Flugzeugbestandteile von „Bestuhlungen“ bis zu „Tragflächen“ eingeführt und über 100 Fluggesellschaften in den Bildern identifiziert.

Unter den Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern befanden sich langjährige Piloten und Chefpiloten, Flugbegleiterinnen, Techniker und administrative Mitarbeitende, so dass der Großteil der thematischen Breite des Bestands abgedeckt wurde. Nebst der webbasierten Arbeit von zu Hause aus, war auch die Kommunikation via Telefon oder Email zwischen den ehrenamtlich Mitarbeitenden und der Ansprechperson im Bildarchiv wichtig. Der notwendige Austausch war beträchtlich. Bilder, bei denen die Datierung, die Identifikation von Personen bei Porträtfotografien, genauere Orts- oder etwa Flugzeugteilbezeichnung offen blieben, wurden mit gezielten Fragen in eine zweite Runde geschickt. Manches konnte so noch identifiziert werden, einiges blieb jedoch als noch ungelöst in der Datenbank vermerkt.


Fazit

Das Crowdsourcing-Projekt wurde nach vier Jahren intensiver Arbeit Ende 2013 abgeschlossen, mit dem Ergebnis, dass insgesamt 40 000 Bilder in der Bilddatenbank Bildarchiv Online publiziert werden konnten [18]. Zu Projektbeginn war der Aufwand für die Betreuung der Pensionäre durch das Bildarchiv unterschätzt worden. So wurden für die Betreuung und den Wissenstransfer im ersten Projektjahr ca. 0,2 Vollzeitstellen eingesetzt. Rund 0,1 Vollzeitstellen widmeten sich der Aufbereitung und dem Hochladen der Bilder sowie dem technischen Support der Pensionäre. Die Titelredaktion nahm weitere 20 Stellenprozente in Anspruch. Diese Ressourcen konnten durch festangestellte Mitarbeitende im Bildarchiv abgedeckt werden. Für die inhaltliche Erschließung des Bestands wurde eine 60%-Stelle während drei Jahren eingesetzt.

Im Vergleich zu offenen und anonymen Crowdsourcing-Projekten war bei der überschaubaren Gruppe von Experten, die ein großes Interesse an der Geschichte und Überlieferung der Geschichte ‚ihrer‘ Fluggesellschaft zeigte, der Wissenstransfer sehr groß. Ohne die engagierte Mithilfe der Ehrenamtlichen wäre viel Wissen ungenutzt geblieben und mit der Zeit gar verloren gegangen. Ein vergleichbares Fachwissen hätte auch nicht mittels intensivem Literatur- und Quellenstudium innerhalb nützlicher Frist durch die Mitarbeitenden des Bildarchivs erworben werden können. Mit dem Anwachsen der Menge an digitalisierten und ergänzten Bildern wuchs jedoch gleichzeitig auch das im Bildarchiv angeeignete Fachwissen.

Die gezielte, webbasierte Kooperation zwecks Präzisierung vorhandener Bildinformationen ist über die redaktionelle Bearbeitung der Inputs hinaus mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Dieser wird jedoch durch den Zugewinn an eingegangenem Fachwissen, das wiederum den Bildnutzerinnen und -nutzern zur Verfügung gestellt werden kann, mehr als kompensiert. Allerdings enthebt dies die Mitarbeitenden des Bildarchivs nicht davon, sich sowohl kritisch mit den Bildern als auch mit den Kommentaren der ehemaligen Swissair-Mitarbeitenden auseinanderzusetzen.

Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek wird, soweit sinnvoll, auch weiterhin Crowdsourcing für die Erschließung einsetzen. Bilder auf der eigenen Bilddatenbank ohne Begleitmaßnahmen online zu stellen, wird allerdings nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen. Aus den bisherigen Erfahrungen lässt sich verallgemeinern, dass folgende Arbeitsschritte zielführend für Crowdsourcing-Projekte sind:

– Definition klar umrissener Bildpakete, so etwa nicht-identifizierte Luftbilder der Schweiz oder Bilder von unbekannten Berggipfeln,
– Identifikation von geeigneten, spezifischen Expertengruppen,
– Ansprechen der Expertengruppen durch gezielte Aufrufe und gemeinschaftliche Ereignisse.


Anmerkungen
[1] Eine systematische Übersicht über die Bestände des Bildarchivs ist online einsehbar unter <http://www.library.ethz.ch/Ressourcen/Bilder> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[2] <http://ba.e-pics.ethz.ch> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[3] <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[4] <https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[5] Die Bilder werden seit 2008 in einer Webauflösung auch über den Suchmaschinendienst Google Images recherchierbar gemacht. Ein Export der hochaufgelösten und frei verwendbaren Bilddateien mit Erschließungsdaten nach Wikimedia Commons ist in Vorbereitung, ebenso der Datenexport nach Europeana.

[6] Buchreihe Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek, hrsg. von Michael Gasser und Nicole Graf bei Scheidegger + Spiess in Zürich. Bisher erschienen: Bd. 1: Monika Burri: Die Welt im Taschenformat: Die Postkartensammlung Adolf Feller, 2011; Bd. 2: Ruedi Weidmann: Swissair Souvenirs, 2012; Bd. 3: Monika Burri: Forschung im Fokus, 2013; Bd. 4: Ruedi Weidmann: Swissair Luftbilder, 2014; Bd. 5: Georg Kreis: Fotomosaik Schweiz: Das Archiv der Pressebildagentur Comet Photo AG, 2015.

[7] <http://blogs.ethz.ch/digital-collections> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[8] <http://data-archive.ethz.ch> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[9] <www.exlibrisgroup.com/de/category/Rosetta> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[10] Vgl. Weidmann 2012 (wie Anm. 6).

[11] Grundvoraussetzungen für die originalgetreue Farbrekonstruktion nach AFRESA des Digital Humanities Lab der Universität Basel wären eine Speziallichtquelle im DigiCenter und eine Neudigitalisierung der Bilder gewesen. Nach Tests mit AFRESA kamen wir auf unsere ursprüngliche Zielvorgabe zurück, nämlich eine möglichst schöne Farbwiedergabe mittels Photoshop zu erreichen. Zu den weiteren Parametern und Workflow-Aspekten im DigiCenter siehe den Leitfaden der ETH-Bibliothek, Best Practices Digitalisierung, Version 1.0 <https://www.library.ethz.ch/content/download/19891...> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[12] James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als der Einzelne („The wisdom of crowds“), München: Goldmann 2007.

[13] Wichtige Crowdsourcing-Projekte aus dem Bibliotheks- und Archivbereich sind: Das Kommentieren von Bildern auf Flickr Commons, ein durch die Library of Congress initiiertes Projekt für Bildarchive (<https://www.flickr.com/commons>, zuletzt eingesehen am 01.02.2016); die Georeferenzierung von alten Kartenmaterialien an der British Library (<www.bl.uk/maps/georefabout.html>, zuletzt eingesehen am 01.02.2016); oder die Text-Korrekturen beim Australian Newspapers Digitisation Program der National Library of Australia. Zu letzterem vgl. Rose Holley: „Crowdsourcing: How and Why Should Libraries do it?“, in: D-Lib Magazine, Vol. 16 (2010), No. 3/4, und (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[14] Ähnliche Erfahrungen hat auch die Library of Congress gemacht: Aus den vielen Kommentatoren konnte mit der Zeit eine Kerngruppe von 20 Personen identifiziert werden; diese „history detectives“ ergänzten die Bilder regelmäßig mit historisch relevanten Informationen. Michelle Springer et al.: For the Common Good: The Library of Congress Flickr Pilot Project, Final Report, 30. Oktober 2008, S. 25, <www.loc.gov/rr/print/flickr_report_final.pdf> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).

[15] Michael Gasser: „Über die Digitalisierung hinaus. Neue Angebote der Spezialsammlungen der ETH Zürich-Bibliothek“, in: Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. (Hg.): Kulturelles Kapital und ökonomisches Potential: Zukunftskonzepte für Archivare, Fulda: Eigenverlag 2013, S. 47–56.

[16] Wie Anm. 13; weitere Erfahrungen mit Flickr Commons berichtet Jason Vaughan: „Insights into the Commons on Flickr“, in: Portal: Libraries and the Academy, Vol. 10 (2010), No. 2, S. 185–214, <http://digitalscholarship.unlv.edu/lib_articles/12...> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016)

[17] Vier Swissair-Pensionäre und ihre Vorgehensweisen im Crowdsourcing-Projekt wurden in der Tagespresse porträtiert. Nicola Brusa: „Der Geist der guten alten Swissair: Swissair-Bildarchiv“, in: Tagesanzeiger, 30.12.2010.

[18] Direktlink auf den Swissair-Bestand: <http://ba.e-pics.ethz.ch/link.jsp?category=9016> (zuletzt eingesehen am 01.02.2016).



Autorin

Nicole Graf, lic. rer. soc., MA Bildwissenschaft, ETH Zürich, ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Rämistr. 101, 8092 Zürich, Switzerland, Tel. +41-44-632-8081, nicole.graf@library.ethz.ch