BESTÄNDE

Johannes Hofmeister, Markus Köster und Stephan Sagurna

NATUR- UND HEIMATSCHUTZ-FOTOGRAFIE ZWISCHEN 1912 UND 1944

Zum fotografischen Nachlass Dr. Hermann Reichling und seiner Erschließung

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Der Ornithologe und Museumsleiter Dr. Hermann Reichling (1890–1948) war ein Pionier des Naturschutzes und zugleich ein passionierter Fotograf. Sein fotografischer Nachlass umfasst mehr als 9 000 Glasnegative, die zum Großteil von ihm selbst angefertigt wurden, sowie mehrere Kameras in den Aufnahmeformaten 13 x 18 cm und 9 x 12 cm, außerdem einige Filmaufnahmen von eigener Hand. Er stellt eine erstrangige visuelle Quelle für die Natur- und Sozialgeschichte Nordwestdeutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Diesen zu erhalten, zu erschließen und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist das Ziel eines Verbundprojekts, das der Westfälische Heimatbund, das LWL-Museum für Naturkunde, das LWL-Medienzentrum für Westfalen unddas LWL-Museumsamt für Westfalen mit Förderung der NRW- Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege seit 2014 gemeinsam konzipiert haben und durchführen. Die fotografische und fotohistorische Federführung dieses Projekts ist beim LWL-Medienzentrum angesiedelt, das mit seinem Bildarchiv die Verantwortung für einen bedeutenden Teil des fotografischen Erbes der Region Westfalen-Lippe trägt.

Naturschutzpionier und Naturfotograf Dr. Hermann Reichling

Hermann Reichling wurde 1890 als Sohn eines Gymnasiallehrers im thüringischen Eichsfeld geboren und wuchs im westfälischen Münster auf [1]. Nach Abitur und einem naturwissenschaftlichen Studium an der dortigen Universität, das er mit einer ornithologischen Dissertation abschloss, wurde er 1919 mit nur 29 Jahren zum Leiter des Westfälischen Provinzialmuseums für Naturkunde in Münster und 1926 auch zum Staatlichen Kommissar für Naturdenkmalpflege in der Provinz Westfalen berufen. In diesen Funktionen verschrieb er sich nicht nur der Beobachtung und Erforschung von Pflanzen, Tieren und Landschaften, sondern setzte sich – unter dem Einfluss der in jenen Jahren aufblühenden Heimatbewegung – aktiv für den Schutz der Natur- und Kulturlandschaften im heutigen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ein. Westfalen zählte dank der Aktivitäten Reichlings bald zu den führenden Provinzen Preußens auf dem Gebiet des Naturschutzes; fast sechzig Naturschutzgebiete wurden zwischen 1926 und 1933 auf seine Initiative hin ausgewiesen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten enthob man Reichling, der sich mit seiner direkten und oft kompromisslosen Art sowie seiner Anhäufung von Ämtern nicht nur Freunde gemacht hatte und auch mit Meinungsäußerungen gegenüber dem neuen Regime nicht hinter dem Berg hielt, aller Ämter [2]. 1934 wurde er wegen despektierlicher Äußerungen über Mitglieder der Reichsregierung im Wirtshaus denunziert und zeitweise im emsländischen Konzentrationslager Esterwegen inhaftiert, allerdings aufgrund einer Intervention Hermann Görings, der u.a. als Oberster Beauftragter für den Naturschutz im Deutschen Reich fungierte, nach drei Monaten wieder entlassen. Reichling klagte anschließend sogar erfolgreich gegen den KZ-Kommandanten sowie gegen ein Mitglied der Wachmannschaft wegen der erlittenen körperlichen Schädigungen. 1937 wurde er teilrehabilitiert, aber nicht wieder als Museumsdirektor eingesetzt, sondern stattdessen mit einem Forschungsauftrag zur „Natur des Dümmer“ und der aussterbenden Vogelwelt der nordwestdeutschen Moore betraut. Nach dem Krieg erhielt er seine alten Ämter zurück, starb aber schon 1948, u.a. an den Spätfolgen seiner KZ-Haft.

Moorlandschaften, Vogelfänger und Heimatschutz: Fotografien 1912 bis 1944

Bereits als junger Mann hatte Hermann Reichling die Fotografie für sich entdeckt. Im Alter von 22 Jahren belichtete er die Aufnahme „Petersvenn bei Westbevern, 1912“ (Abb. 1). Sie zeigt eine Moorlandschaft mit Wollgrasbewuchs in der Übergangszone vom Wasser zum Land. Als Querformat angelegt und mit einer Bilddiagonalen, die sich von rechts unten nach links oben bis zur Horizontlinie zieht (Wollgras entlang der Uferkante), ist die Fotografie in ihrer Bildaufteilung klassisch gestaltet. Vordergrund, Mitte und Hintergrund bilden eine ausgewogene, aber nicht spannungslose Komposition dieser Moorszene, der die weißen Wollgrasblüten zusätzlich eine pointillistische Anmutung verleihen. Diese Aufnahme, ein Glasnegativ im Format 13 x 18 cm, gilt als die älteste erhaltene Fotografie Reichlings. Sie dokumentiert, wie Reichling bereits zu Beginn seines fotografischen Schaffens seine Bildidee motivisch-inhaltlich und formal-gestalterisch umsetzte.

„Im Laufe seiner fotografischen Aktivitäten
über mehr als drei Jahrzehnte arbeitete Reichling
mit unterschiedlichen Kameras verschiedenster Formate.“


Bereits für diese erste Aufnahme muss Reichling mit einer umfangreichen fotografischen Ausrüstung für Aufnahme und Laborverarbeitung ausgestattet gewesen sein. Die Anleitung zur Photographie für Anfänger listet 1908 die Basisausrüstung eines Fotoamateurs wie folgt: „Aproximative Kosten für die erste photographische Einrichtung [für] 1 Camera für Platten 13 x 18 cm, 5 bis 6 Stück Doppelcassetten, Stativ und Packtaschen, 1 Objectiv, [...] 30 Stück Aufnahmeplatten“ mit gut 300 Mark [3]. Dazu kamen noch Laborutensilien zur Entwicklung und weiteren Ausarbeitung der Glasnegative, „Geräthe und Chemikalien für Negativ- und Positivprocess“ für ungefähr 150 Mark [4]. Zum Vergleich: Der Jahresdurchschnittsverdienst lag 1912 bei 1.100 Mark [5].

Im Laufe seiner fotografischen Aktivitäten über mehr als drei Jahrzehnte arbeitete Reichling mit unterschiedlichen Kameras verschiedenster Formate. Im LWL-Museum für Naturkunde ist mit der fotografischen Sammlung Reichling auch eine hölzerne Reisekamera für Aufnahmen im Negativformat 13 x 18 cm erhalten. Man darf annehmen, dass Reichling mit dieser – oder zumindest mit einer vergleichbaren Kamera – seine ersten Aufnahmen herstellte (Abb. 2). Aufbau und Einsatz dieser Kameratechnik waren relativ zeitaufwendig. Ohne die Verwendung eines Dreibein-Stativs waren Aufnahmen unmöglich. Für das Einrichten und Scharfstellen des Motivs, also für die Arbeit an der Mattscheibe, musste der Fotograf mit seinem Kopf unter einem schwarzen Einstelltuch verschwinden, um unter Ausschluss des Umgebungslichtes ein kopfstehendes und seitenverkehrtes Motiv beurteilen zu können. Auch die Belichtungszeiten für Landschaftsaufnahmen, wie die des Petersvenn, lagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit bis 1 Sekunde weit fernab heutiger Schnappschussfotografie.

Fotografien für die Wissenschaft

Dass Reichling schnell Erfahrungen gesammelt und Routine erlangt hat, zeigen die umfangreichen Fotografien, die er zur Illustration seiner Doktorarbeit zum Thema Flügelfederkennzeichen der nordwestdeutschen Vögel anfertigte (Abb. 3). Publiziert wurde sie 1915 im Journal für Ornithologie mit der Abbildung von 50 Flügelfederfotografien [6]. Fotografiert hatte er jedoch weit mehr als die in der Veröffentlichung abgebildeten Aufnahmen. Es sind allesamt präzise Sachfotografien, die sowohl Detailschärfe als auch einen Reichtum an Tonwerten aufweisen, so dass alle Nuancen der abgebildeten Flügelfederkennzeichen klar und deutlich zu erkennen sind. Reichlings ausgeprägtes fotografisches Selbstverständnis und sein Qualitätsbewusstsein äußerten sich beispielhaft in dieser Veröffentlichung, deren Abbildungen er im besten damals verfügbaren fotografischen Reproduktionsverfahren, dem Lichtdruck, drucken ließ.

Alltagsleben

Hermann Reichling fotografierte aber nicht ausschließlich wissenschaftlich. Mit den Aufnahmen vom münsterschen Wochenmarkt aus dem Jahr 1913 und weiteren Stadtansichten versuchte er sich bereits früh in einem gänzlich anderen Feld. Voller Vitalität und reportageartig dokumentierend porträtierte er das Markttreiben, bei dem Verkäufer und Kunden scheinbar unbeirrt von den Fotoaufnahmen ihren Geschäften nachgingen, Gemüsefrauen und Wanderhändler mit Kitteln und Holzschuhen ebenso wie Dienstmädchen, herausgeputzte gutbürgerliche Damen und elegante Herren in Mantel, Hut und Stock (Titel-Abb. und Abb. 4). Sehenswürdigkeiten und markante Fassadenzüge aus dem Stadtbild runden Reichlings münstersche Stadtansichten ab.

Westfälische Vogelfänger

Ein reportagerartiger fotografischer Stil kennzeichnet auch Reichlings Aufnahmeserien westfälischer Vogelfänger, die zwischen 1916 und 1924 entstanden (Abb. 5). Porträts, szenisch fotografierte Arbeitsabläufe und Stimmungsaufnahmen kombinierte er zu vitalen Fotodokumentationen der letzten Vogelfänger aus der Region. Sein Porträt des Krammetsvogelfängers Stille aus Kattenvenne geriet ihm so lebensnah, dass es 2001 als Vorlage für eine lebensgroße Silikon-Nachbildung Stilles für die Schausammlung im LWL-Museum für Naturkunde Verwendung fand.

Als Soldat mit der Kamera unterwegs

Auch während seiner Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg fotografierte Reichling mit seiner Plattenkamera, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Seine belichteten Glasnegative schickte er per Post direkt vom Divisionsstandort in das heimische Münster, um sie dort entwickeln zu lassen. Eine im Sammlungsbestand erhaltene Filmschachtel für „1 Dutzend Greve’s Extra-Rapid-Trockenplatten“, abgesandt vom „Gefreiten Hermann Reichling“ und adressiert an das Photohaus Greve, Prinzipalmarkt 42, Münster, dokumentiert diesen Feldpostversand zur Heimatentwicklung. Eine Reihe dieser Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg hat sich erhalten und ist Teil der Sammlung.

Landschaften und Naturobjekte

Nachdem ihm 1919 die Leitung des Provinzialmuseums für Naturkunde in Münster übertragen worden war, begann Reichling mit der Erstellung umfangreicher Aufnahmeserien zu Landschaften und Naturobjekten. Über Nordwestdeutschland hinaus erkundete der umtriebige Biologe mit seiner Kamera auch Regionen wie den Darß, die Insel Fehmarn und selbst das nordschwedische Lappland.

Seit 1926 wurde Reichlings Dokumentationsarbeit von seinem Mitarbeiter Georg Hellmund durch die Anfertigung zahlreicher Landschaftsaufnahmen insbesondere aus Westfalen tatkräftig unterstützt. Nach Reichlings Tod im Jahr 1948 setzte Hellmund seine fotografische Tätigkeit für das Westfälische Museum für Naturkunde bis zum Anfang der 1960er Jahre fort; auch diese Fotografien sind Bestandteil der Sammlung.
Einen ausgeprägten motivischen Schwerpunkt der Sammlung bilden die ausgedehnten Heide- und Moorgebiete Nordwestdeutschlands. So ist neben Aufnahmen aus allen westfälischen Landesteilen auch eine große Anzahl von Fotografien aus dem Emsland und der Region um den Dümmer erhalten geblieben. Zahlreiche Fotografien aus Moorgebieten zeigen die charakteristische Vegetation, so auch das blühende Wollgras, wie es bereits in der ersten Fotografie von 1912 zu sehen war (vgl. Abb. 1). Moorgewässer mit ihrer unter anderem aus Seerosen und Schilfen bestehenden Vegetation und deren umgebende Ufer sind ebenfalls ein häufig auftretendes Motiv. Teilweise zeigen die Fotografien auch baumlose Einöden bis zum Horizont und geben somit einen Einblick in die ehemaligen räumlichen Ausdehnungen der Moorflächen. Neben einer sehr großen Anzahl reiner Landschaftsaufnahmen aus den Moor- und Heidegebieten zeigen viele Fotos die menschlichen Eingriffe in diese Landschaften, unter anderem den Torfabbau (Abb. 6).

Die heimische Tierwelt

Als Zoologe schenkte Reichling natürlich auch den tierischen Bewohnern der Moore und Heiden – insbesondere den Vögeln, aber auch Dachsen, Rehen oder Wisenten – seine Aufmerksamkeit [7]. Weil Vögel in der Regel sehr scheu und Fluchtdistanzen damit recht groß sind, benutzte er für seine Beobachtungen und Aufnahmen meist ein Tarnzelt, das ihm ermöglichte, sich recht nah bei den Tieren und ihren Brutplätzen aufzuhalten und manchmal deren komplettes Brutgeschäft, von der Vogelbalz über Eiablage und Brutpflege bis hin zur Aufzucht der Jungvögel, zu dokumentieren.


Bäume und Wälder

Bäume und Wälder bilden gleichfalls ein häufig auftretendes Motiv. Einzelbäume wurden vor allem aufgrund ihres Alters, ihrer Ausmaße oder ihrer Form als Naturdenkmale porträtiert, Wälder sowohl in urwüchsig anmutenden Formen als auch als akkurat angepflanzte Forstkulturen ins Bild gesetzt. Wallhecken als charakteristisches Landschaftsmerkmal in Nordwestdeutschland fotografierte Reichling ebenfalls zahlreich (Abb. 7), allerdings auch deren Rodung.


Fotografien für Natur- und Heimatschutz

Reichlings spezielles und kritisches Augenmerk galt überdies dem Einbruch von Industrialisierung und zivilisatorischer Moderne in die Natur- und Kulturlandschaften im Nordwesten Deutschlands: Die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen und die dramatische maschinelle Umgestaltung von Fluss- und Moorlandschaften wurden ebenso fotografisch festgehalten wie der Bau von Wochenendhäusern und Fabriken oder die Ausbreitung von Reklameschildern an Straßen und Häusern (Abb. 8). Seine Aufnahmen gehören zu den frühesten visuellen Zeugnissen des Naturschutzes in Nordwestdeutschland. Nach amerikanischem Vorbild nutzte Reichling in den beginnenden 1920er Jahren gezielt die Fotografie, um den Gedanken des Heimat- und Naturschutzes in Nordwestdeutschland voranzutreiben. Schon 1926 präsentierte er unter großer überregionaler Beachtung mehrere hundert seiner Aufnahmen in einer Sonderausstellung [8], die die Naturschutzgebiete Westfalens vorstellte.

Ein Jahr später publizierte er mit Die Schönheit der Niedersächsischen Landschaft (1927) einen Fotobildband, der laut Vorwort den „Heimat- und Naturschutzgedanken in die weitesten Schichten der Bevölkerung hineintragen“ sollte [9]. Die Analyse von Bildsprache und fotografischer Handschrift der ca. 100 Fotografien dieses Buches zeigt deutlich, wie Reichling sein Publikum für die neue Idee des Natur- und Umweltschutzes anspricht. Für seine Fotografien verwendete er eine vertraute Art der Naturdarstellung, die stark an die Malerei der Romantik angelehnt ist. Diese Bildästhetik, die in der Komposition konventionell nach bewährten Standards angelegt ist – beispielsweise unter Anwendung des Goldenen Schnitts –, arbeitet mit ruhigen und ausgewogenen Motivaufteilungen. Seine Fotografien sind ruhige und ausgewogen harmonische Bildkompositionen.

Reichling bleibt mit seinem fotografischen Werk bis in die 1930er Jahre einer klassischen Bildsprache verhaftet. Fotografie war für ihn Mittel zum Zweck. Eine in der Tradition verhaftete Sichtweise und Bildsprache, die auf vertraute Sehgewohnheiten aufbaute, schien ihm die sicherste Gewähr dafür, den Heimat- und Naturschutz effektiv unterstützen zu können. Indem Reichling mit seinen Fotografien den vertrauten Sehgewohnheiten und ästhetischen Konventionen zu entsprechen suchte, ging er in der Vermittlung seiner Botschaft das kleinstmögliche Risiko ein. Mit der Strategie, sein Anliegen mittels der Fotografie voranzutreiben, zeigte er sich als geschickter und zielsicherer Medien-Stratege für den Naturschutz.

Reichling richtete seine Glasplatten-Kamera aber nicht nur auf die Natur, sondern hielt auch die Menschen und ihr Handeln in der Landschaft in eindrucksvollen Momentaufnahmen fest [10]. Seine Porträts folgten einem dezidiert typologischen Konzept, das die ‚Menschen vom Lande‘ zu Protagonisten einer durch Industrialisierung, Urbanisierung und gesellschaftliche Moderne dem Untergang geweihten ‚alten‘ Welt stilisierte. So porträtierte er Kleinbauern und Gutsbesitzer, Fischer und Schäfer, Torfstecher und Vogelfänger, aber auch die Bewohner der Straße: Besenbinder (Abb. 9), Scherenschleifer, Korbflechter und immer wieder „Zigeuner“, deren ungebundene Lebensweise ihn offenbar faszinierte und die er mit augenfälligem Respekt dokumentierte. Für Reichling standen diese Personengruppen nicht nur für eine untergehende Zeit, die es mit der Kamera festzuhalten galt, sie symbolisierten auch ein vorindustrielles Idealbild, dessen Stilisierung ihn als Verfechter eines zivilisationskritischen Heimatschutzgedankens ausweist.


Das fotografische Spätwerk

Dass Reichling gleichwohl nicht als fotografisch uninteressiert oder ‚begrenzt‘ einzuschätzen ist, zeigt sein Spätwerk, in dem sich seine fotografische Ausdrucksart deutlich veränderte. Es tauchen ‚kühlere‘ und auch kühnere Aufnahmen im Motiv- kanon auf, die an der Neuen Sachlichkeit orientiert zu sein scheinen. Mit seinen Fotografien von Werbetafeln, die den öffentlichen Raum verunstalten (vgl. Abb. 8), griff Reichling schon früh ein zentrales Anliegen der deutschen Heimatbewegung auf, wie es zu gleicher Zeit ganz ähnlich auch Hans Schwenkel mit seinen Fotografien in Württemberg tat [11].

Das fotografische Spätwerk Reichlings entwickelte sich aber nicht nur motivisch und gestalterisch, sondern war auch von technischen Veränderungen durchdrungen. Im Sammlungsbestand sind auch einige Motivserien auf Kunststoffnegativen erhalten, die im Verlauf der 1940er Jahre die alten Glasplatten ablösten. Und nicht nur das Filmmaterial veränderte sich, sondern auch das Aufnahmeformat wurde kleiner. Nutzte Reichling zunächst 13 x 18 cm Platten als Standardformat, so hielt mit dem modernen Kunststofffilm auch das kleinere 9 x 12-Format Einzug in die Sammlung. Für den Fotografen bedeutete dies einen erheblichen Gewichtsvorteil für seine transportable Fotoausrüstung. Filmmaterial auf Kunststoffbasis an Stelle von Glasplatten in der Fototasche zu transportieren hieß, für 10 Aufnahmen 20 Gramm statt 750 Gramm tragen zu müssen. Gerade bei ausgedehnten Fotoexkursionen mit umfangreichen Aufnahmeserien stellte dies einen erheblichen Vorteil dar.

Mit dem Aufnahmematerial entwickelten sich auch die Kameramodelle weiter. Holz wurde durch Aluminium ersetzt, einfache Klappmechanik von präziser Feinmechanik abgelöst. Eine moderne Fachkamera der 1940er Jahre für das Aufnahmeformat 9 x 12 cm war kompakter, präziser und handlicher als ihre hölzernen Vorgänger. Auch diese Entwicklung erlebte Reichling noch mit. Die jüngste Kamera der Sammlung Reich- ling ist eine Linhof Technika für das Aufnahmeformat 9 x 12 cm aus dem Jahre 1946. Sie besitzt einen Feintrieb für Fokus und Perspektivkorrektur, verfügt über einen verlängerten Auszug für lange Brennweiten und ist als Laufbodenkamera auch für Aufnahmen aus der freien Hand geeignet. Diese Kamera erweiterte nicht nur die fotografischen Einsatzmöglichkeiten, sondern hat auch ein Packmaß, das gerade die Hälfte der Kameraausrüstung von 1912 einnimmt (Abb. 10).

Zu den letzten und jüngsten Fotografien aus dem Sammlungsbestand und Lebenswerk Reichlings zählen Landschaftsaufnahmen aus dem Gildehauser Venn bei Bad Bentheim, die er im Sommer 1944 aufnahm. Mit der hier abgebildeten Aufnahme (Abb. 11), belichtet am 29. Juli 1944, zog Reichling noch einmal alle Register der traditionellen Fotografie. Die ruhige und ausgewogene Bildkomposition mit ihrem Horizont in der Bildmitte wird durch eine leichte Asymmetrie zugunsten des Hauptmotivs, dem Wacholder‚ nuanciert in Szene gesetzt. So ergibt sich für das Auge des Betrachters eine Eindeutigkeit und Harmonie des Motivs. Den Sonnenstand hat Reichling so gewählt, dass die drei Wacholderbüsche fein und nicht zu hart durch das Tageslicht modelliert werden. Das Sommersonnenlicht erfährt durch die für fotografische Verhältnisse perfekt gestreuten Schäfchenwolken eine gewisse Milde und Leichtigkeit, ohne dabei an Klarheit einzubüßen. Das Hauptmotiv und die weite Landschaft, in die es eingebettet ist, kommen dabei optimal zur Geltung. Für die malerische Tonwertzeichnung der weißen Wolken am blauen Himmel wird Reichling eigens einen Gelbfilter vor dem Objektiv verwendet haben; besser lässt sich die Leichtigkeit eines wolkendurchzogenen Sommerhimmels in schwarz-weiß nicht fotografieren.

Insgesamt hat die fotografische Umsetzung dieses Motivs Lehrbuchcharakter – von der Wahl des Ausschnitts über die verwendete Brennweite bis hin zu den finalen Tonwerten und fein nuancierten Graustufen, in denen die farbige Realität abgebildet wurde. Nach über 30 Jahren Praxis mit der Großformat-Kamera demonstrierte Reichling mit dieser Aufnahme Mitte der 1940er Jahre nicht nur absolute fotografische Souveränität, sondern schrieb in dieser Fotografie auch exemplarisch seinen ethischen Anspruch im Umgang mit der Natur fest: „Erhabene Natur, die in stiller Abgeschiedenheit sich demjenigen offenbart, der in ihre Geheimnisse einzudringen vermag“. [12]

Zur Überlieferung, Erschließung und Präsentation der Fotosammlung Reichling

Nach seinem frühen Tod verblieb ein Teil des fotografischen Nachlasses von Dr. Hermann Reichling im Westfälischen Naturkundemuseum und fand dort immer wieder für Ausstellungs- und Publikationszwecke Verwendung. Der größere Teil seines fotografischen Werkes befand sich aber über Jahrzehnte in privatem Familienbesitz und blieb damit für die Öffentlichkeit unzugänglich und weithin unbekannt. Erst in den Jahren 2008 bis 2014 konnte auch dieser Teil des Nachlasses durch Initiative des Westfälischen Naturwissenschaftlichen Vereins in das LWL-Museum für Naturkunde und von dort in das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen überführt werden.

In einem ersten Schritt wurden die ca. 9 000 Glasplatten der Sammlung, inklusive der dazugehörigen, überwiegend von Hand beschrifteten Pergaminhüllen, extern digitalisiert. Für diese Digitalisierung konnte 2015 die (inzwischen aufgelöste) Firma Herrmann und Kraemer gewonnen werden. Digitalisiert wurde in drei Qualitätsstufen: TIFF und RAW für alle Negative, JPEG für Hüllen und Schachteln mit handschriftlichen Beschriftungen [13]. Die Beschriftung der Hüllen war nach keinem einheitlichen Muster erfolgt und enthielt nur im Idealfall Hinweise auf den Motivinhalt, den Standort und das Datum. In vielen Fällen stimmten Beschriftung und Inhalt nicht mehr überein. Darüber hinaus waren viele Glasplattenschachteln und Pergaminhüllen gänzlich unbeschriftet.

In der Folge wurde diese Sammlung anhand der Digitalisate systematisch gesichtet, nach geeigneten Kategorien geordnet (z. B. nach Vogelküken, Bauernhäusern, Flüssen, Wäldern usw.) und die Digitalisate in entsprechenden thematisch benannten Ordnern zunächst lokal gespeichert. Währenddessen galt es außerdem zu entscheiden, welche Fotos zur dauerhaften Archivierung übernommen und welche kassiert werden sollten. So enthielt die Sammlung zahlreiche Motive, die mehrfach vorhanden waren oder bereits in ähnlicher Form existieren und somit für den Gesamtbestand keinen Mehrwert darstellten. Fotos, deren Inhalt oder Standort nicht zugeordnet werden konnten, wurden ebenfalls weitgehend von der Archivierung ausgeschlossen. Dies galt insbesondere für jenen Teil der Sammlung, der bis zuletzt im Besitz der Familie Reichling verblieben war, während innerhalb des Teilbestands des Naturkundemuseums nur ein geringer Anteil kassiert wurde.

Nach dieser mehrmonatigen Sichtungs- und Sortierungsphase blieben ungefähr 5 500 Fotografien übrig, die in das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums übernommen wurden. Die Digitalisate konnten nun mit grundlegenden Informationen (IPTC-Standard [14]) in einer zuvor festgelegten Reihenfolge, die sich an den Themen der Fotografien sowie an deren Standorten orientiert, in die online zugängliche Bilddatenbank des LWL-Medienzentrums (<www.bildarchiv-westfalen.lwl.org>) importiert und somit auch der Öffentlichkeit zur Ansicht zugänglich gemacht werden. Parallel zur Übertragung in die Datenbank wurden die Glasplatten in der gleichen Reihenfolge für die Archivierung vorbereitet, indem jede einzelne Negativ-Platte in schützendes Archivpapier einge- schlagen und mit der fortlaufenden Archivnummer versehen wurde (Abb. 12) [15].

Die Überführung der Glasplatten in das ruhende Archiv ist bereits erfolgt, diese befinden sich nun unter kontrollierten klimatischen Lagerbedingungen (12° C, 45 % Luftfeuchtigkeit) in einer der Kühlzellen des Bildarchivs. Mit dem Import der dazugehörigen Digitalisate in die Bilddatenbank ist die Arbeit jedoch nicht abgeschlossen. Eine ausführliche Dokumentation sämtlicher Motive in der Datenbank wird noch erfolgen. Schon jetzt aber kann der fotografische Bestand in seiner ganzen Vielfalt in der Online-Bilddatenbank des LWL-Medienzentrums oder auch über eine eigene Unterseite <www.reichling-fotosammlung.lwl.org> betrachtet werden.

Parallel zur Erschließung der Sammlung ist in der Reihe Westfalen in historischen Bildsammlungen ein Bildband entstanden, der unter dem Titel Naturfotograf und Naturschutzpionier. Die Fotosammlung Dr. Hermann Reichling (1890–1948) eine Auswahl von ca. 300 Motiven präsentiert [16]. Fünf einführende Textbeiträge und zehn Bildkapitel geben einen umfassenden Überblick über das fotografische und naturkund- liche Wirken des Dr. Hermann Reichling.

Darüber hinaus haben das LWL-Museum für Naturkunde und das LWL-Museumsamt eine umfangreiche Wanderausstellung Vogelfänger, Venntüten und Plaggenstecher – Natur und Landschaft vor 100 Jahren erarbeitet. Sie zeigt einerseits den Wandel von Landschaft, Natur und Arbeitsleben in unserem Landschaftsraum auf, andererseits gibt sie Einblicke in das wechselvolle Leben von Dr. Hermann Reichling als Pionier des Naturschutzes [17].


Anmerkungen[1] Zur Biografie und dem beruflichen Werdegang Hermann Reichlings vgl. Karl Ditt: Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923–1945, Münster: Aschendorff 1988, S. 129–144 und S. 327–330, sowie Bernd Tenbergen: „Hermann Reichling (1890–1948). Pionier des Naturschutzes und der Naturfotografie in Westfalen“, in: Heimatpflege in Westfalen, Vol. 27 (2014), No. 4/5, S. 1–13.

[2] Vgl. dazu Ditt 1988 (wie Anm. 1), S. 327–330.

[3] Giuseppe Pizzighelli: Anleitung zur Photographie für Anfänger, Halle a. S.: Wilhelm Knapp 1908, S. 279–282.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Sozialgesetzbuch SGB VI – Gesetzliche Rentenversicherung (Artikel 1 des Gesetzes v. 18. Dezember 1989, BGBI. I S. 2261, 1990 I S. 1337, Anlage 1).

[6] Hermann Reichling: „Die Flügelfederkennzeichen der nordwestdeutschen Vögel“, in: Journal für Ornithologie, Vol. 63 (1915), S. 229–548.

[7] Vgl. dazu Bernd Tenbergen: „Venntüten, Goldregenpfeifer und Krebsscheren. Pflanzen und Tiere als Fotomotiv von Hermann Reichling“, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe (Hg.): Naturfotograf und Naturschutzpionier. Die Fotosammlung Dr. Hermann Reichling (1890–1948), Steinfurt: Tecklenborg 2016, S. 40–49.

[8] Vgl. Hermann Reichling: „1. Naturschutzausstellung des Westfälischen Provinzial-Museums für Naturkunde zu Münster vom 15. März bis zum 6. April 1926“, in: Mitteilungen über Naturdenkmalpflege in Westfalen, No. 1 (1929), S. 11–16.

[9] Hermann Reichling: Die Schönheit der niedersächsischen Landschaft. Ein Heimatbuch in Bildern, Münster: Aschendorff 1927.

[10] Vgl. dazu Ulrike Gilhaus: „Arbeit und Alltag. Reichlings Begegnungen mit Menschen auf dem Land“, in: Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2016 (wie Anm. 7), S. 50–59.

[11] Vgl. Wolfram Grönitz und Marcus Bugbee: „Fotografien im Dienste des Naturschutzes – Das Beispiel Württemberg“, in: Westfälische Forschungen, Vol. 58 (2008), Themenschwerpunkt Fotografie – Region – Geschichte, S. 255–273.

[12] Aus dem Vorwort Hermann Reichlings zu: ders. 1927 (wie Anm. 9).

[13] Das dreigliedrige Anforderungsprofil für die Reproduktionen der Reichling-Negative lautete wie folgt: TIFF, 16-bit, Graustufen-Modus, jeweils Kontrast- und Tonwert-optimiert, motivischer Randbeschnitt, 6 000 Pixel Kantenlänge für die lange Seite (resultierende Dateigröße ca. 50 MB), zusätzlich zu der jeweils ursprünglichen RAW-Datei der Reproduktion als digitales Master-Negativ und Sicherheitsreserve, um fototechnische ‚Ausreißer‘ und Problemfälle unter den Originalen ggf. individuell im Medienzentrum nachentwickeln zu können. Das Rohdatenformat bildet dabei die ganze Platte ohne Beschnitt und inklusiv kleinem umlaufendem Rand ab (Kantenlänge lange Seite 7 000 Pixel, resultierend ca. 45 MB). Tüten, Schachteln und Hüllen der Negative wurden zur Sicherung der Beschriftungen und originalen Kontextinformationen im einfachen JPEG-Format in reduzierter Auflösung und Farbtiefe reproduziert (Dateivolumen je JPEG-Datei, < 1 MB).

[14] Zum IPTC Photo Metadata Standard vgl. <https://iptc.org/standards/photo-metadata/iptc-sta...> (zuletzt eingesehen am 14.11.2016).

[15] Verwendet wurden Klappumschläge aus 100 % Baumwollfaser, ungepuffert, säurefrei, alterungsbeständig, nach PAT Photographic Activity Test geprüft.

[16] Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2016 (wie Anm. 7).

[17] Die Ausstellung wurde am 17. November 2016 im LWL-Museum für Naturkunde in Münster eröffnet und zeigt neben zahlreichen Bildern auch Filme und Originalobjekte aus der Sammlung Dr. Hermann Reichling. Ab März 2017 wird das LWL-Museumsamt für Westfalen sie dann in komprimierter Form als Wanderausstellung präsentieren.


AutorenDr. Johannes Hofmeister, Prof. Dr. Markus Köster, Stephan Sagurna, M.A., LWL-Medienzentrum für Westfalen, Fürstenbergstr. 13–15, 48147 Münster, Germany, Tel. +49-251-591-3902, medienzentrum@lwl.org, www.lwl-medienzentrum.de