MATERIALITÄT

Marie-Louise Frank

DIE KUH VOM EIS HOLEN

Über die Bearbeitung von eingefrorenen, stark beschädigten fotografischen Materialien
­ im Historischen Archiv der Stadt Köln

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Zum Einsturz des Archivs und der Wiederherstellung der Bestände
Beim Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 wurden 30 Regalkilometer Archivgut verschüttet. Die Bergung, mit der unmittelbar nach dem Einsturz begonnen wurde, dauerte zweieinhalb Jahre und wurde im August 2011 abgeschlossen [1]. Etwa 95 % der Archivalien und Archivalienfragmente konnten in dieser Zeit geborgen und erstversorgt werden [2]. Hiervon wurden circa 10 % nass geborgen und mussten umgehend schockgefroren werden, um Folgeschäden entgegenzuwirken. Die prozentuale Verteilung der Schadenskategorien am gesamten eingestürzten Archivgut ist in Abbildung 1 dargestellt.

Für die Wiederherstellung der Bestände wurden im Sachgebiet Bestandserhaltung 28 Restauratoren- und 55 Restaurierungshelferstellen eingerichtet. Neben den städtischen Angestellten gibt es drittmittelfinanzierte Stellen, die die Vollrestaurierung an Einzelstücken durchführen. Die Arbeit ist größtenteils in Projekten organisiert, wobei auch Kooperationen mit anderen Institutionen die Wiederherstellung der Archivbestände begleiten. Die Restauratoren leiten die Projekte und werden in allen Arbeiten von Restaurierungshelfern unterstützt, sofern die Maßnahmen unter fachlicher Anleitung ausgeführt werden können. Beispiele hierfür sind unter anderem das Urkundenprojekt zur Reinigung, Montierung und Digitalisierung mittelalterlicher Papier- und Pergamenturkunden sowie ein Pilotprojekt, in dem Großformate in der Außenstelle im Sächsischen Staatsarchiv in Wermsdorf gereinigt werden und das auch die Rissschließung und Planlegung der Plakate, Karten und Pläne beinhaltet. Ein weiterer Teil der Konservierung und Restaurierung wird mittels Vergaben und Rahmenverträgen durch externe Restaurierungswerkstätten und -betriebe abgedeckt.


Die Foto-Bestände und ihre komplexen Schadensbilder

Die circa 18 000 Positive, Negative und Mikrofiches sind zwischen den 1880er und 1990er Jahren entstanden. Es befinden sich darunter lose Abzüge und Konvolute, Plan-, Rollfilm- und Kleinbildnegative, Dias und Cibachrome sowie Fotoalben mit verschiedenen Abzügen im Auskopier- und Entwicklungsverfahren. Diese fotografischen Materialien aus der sogenannten Nassbergung haben teilweise gravierende Schäden davongetragen. Zunächst hat der Einsturz des Gebäudes unmittelbar physikalische Schäden und Verschmutzungen an den fotografischen Materialien verursacht. Die Archivalien waren bis zur Bergung fortwährendem Druck durch das Gewicht des aufliegenden Schutts ausgesetzt und unterliegen aufgrund der Verformung mechanischen Spannungen. Diese Spannungen im Material können erst durch die konservatorische Bearbeitung behoben werden. Zudem wurden durch den lang anhaltenden Feuchtigkeits- und Wassereintrag insbesondere Ausblutungen, Schimmelpilzwachstum und Geruchsbildung verursacht. Diese Schäden sind über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren entstanden, überlagern sich und müssen daher nicht selektiv, sondern als komplexe Schadensbilder betrachtet werden (Tab. 1).

Während der Durchführung der Konservierungsmaßnahmen sind einige durch den Feuchtigkeitseintrag bedingte, zum Teil starke, irreversible Schäden besonders häufig aufgefallen.


Verschmutzungen

Vorgefunden wurden sowohl Verschmutzungen, die aufgrund der hohen Krafteinwirkung von Schutt und Geröll auf die fotografischen Materialien in die bildgebenden Schichten gepresst wurden, als auch Verschmutzungen, die während der Zeit im Grundwasser in die gequollene Gelatineschicht eingesunken und in der Schicht mit eingetrocknet sind, was wahrscheinlich durch den ausgeübten Druck wiederum verstärkt wurde (vgl. dazu Abb. 7a).


,Ausgewaschene‘ Bilder

Einige Barytpapiere sehen wolkig-verwaschen aus, was auf eine Durchmischung von gelöster Silbergelatine- und Barytschicht zurückgeführt werden kann: Die Gelatine, die als Bindemittel sowohl für die Silberpartikel als auch für das Bariumsulfat verwendet wurde, scheint während des Feuchteeintrags gequollen und abgebaut worden zu sein, sodass sich Silberpartikel, Baryt und die Gelatine beider ursprünglich aufeinander liegenden Schichten vermischen konnten, um bei der darauf folgenden Trocknung zu einer Schicht zu erstarren (Abb. 2a, b). Dieser Schaden ist irreversibel.


Schichtabtragungen

Auf C-Prints wurde beobachtet, dass die drei Gelatinefarbstoffschichten schichtweise abgetragen worden sind, zunächst die Gelatineschicht mit Cyanfarbstoff, dann Magenta, und zuletzt die Gelatineschicht mit Gelbfarbstoff [3]. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass die Feuchtigkeit von oben nach unten eine Gelatineschicht nach der anderen gequollen und über den langen Zeitraum abgebaut hat. Je nach Grad der Quellung beziehungsweise des Abbaus hat sich die Kohäsionskraft verringert. Die obere Schicht hat sich von der darunterliegenden abgelöst und so liegen nun partiell die Magenta-, Gelbschicht oder gar die weiße Polyethylenbeschichtung frei (Abb. 3). Dieses schichtweise Abtragen hat an den Bildkanten begonnen und sich zur Bildmitte fortgesetzt. Für den chemischen Abbau der Gelatine spricht außerdem, dass bei einigen Fotos die Übergänge von abgetragener zu intakter Gelatineschicht auch nach längerer Trocknung klebrig bleiben.


Verblockungen

Die fotografischen Materialien waren aus unterschiedlichen Gründen miteinander verblockt, was wiederum zu verschiedenen Schadensbildern geführt hat: Positive desselben Verfahrens auf gleichem Papier weisen homogene Schäden auf; Fotos unterschiedlicher Verfahren und Trägerpapiere wiederum weisen heterogene Schäden auf (Abb. 4). Es traten miteinander ‚verklebte‘ Fotos auf, bei denen sich die einst gequollene Gelatine der bildgebenden Schicht des einen Fotos beim Trocknen mit der darauf liegenden Fotorückseite eines anderen Fotos verbunden hat. Es haben aber auch Stauchungen und Deformierungen zu Verblockungen von Fotos geführt, die eigentlich lose aufeinanderlagen. Zudem wurde beobachtet, dass sich die Verblockungen mit fortschreitendem Schaden verfestigen: Fotopapiere, deren Leimung durch die lange Lagerung im Wasser vor der Bergung ausgespült und deren Gelatineschichten zum Beispiel durch Schimmelpilzwachstum stärker abgebaut worden sind, waren stärker miteinander verblockt als weniger abgebaute Fotos.

„Bis zum Beginn der konservatorischen Bearbeitung
wurden die Archivalien [...]
durchgehend bei -26° C tiefgefroren gelagert.“

Problematisch waren zudem Verblockungen mit Pergaminpapier, insbesondere bei Negativen, die in Pergamintaschen gelagert worden waren. Das Pergamin verklebte zunächst partiell mit der gequollenen Gelatineschicht. Durch Schimmelpilzwachstum hat das Pergamin seine Transparenz verloren und wurde milchig-weiß. Die Schimmelpilze haben ebenfalls die Gelatine befallen und ihre chemische Struktur verändert, sodass das Abbauprodukt der Gelatine die ursprüngliche Funktion des Bindemittels nicht mehr erfüllen konnte. Es hat sich vom primären Träger gelöst und ist entweder mit dem Pergamin verklebt oder wurde weggespült. Dieser Schaden ist ebenfalls irreversibel.



Eine Vakuumgefriertrocknung von Fotos?

Bereits bei der Bergung wurden die nassen Fotos vom übrigen Archivgut weitestgehend getrennt und je nach Zustand in Päckchen von zwei bis etwa fünfzig Bildern zusammengefasst und analog zum anderen Archivgut in Stretchfolie eingewickelt eingefroren. So konnte auch das bereits an tausenden Fotos begonnene Schimmelpilzwachstum gestoppt werden. Bis zum Beginn der konservatorischen Bearbeitung wurden die Archivalien zunächst in Kühlkammern bei einem Dienstleister, dann kurz vor der Bearbeitung im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) in Tiefkühltruhen durchgehend bei -26° C tiefgefroren gelagert.

Als erste konservatorische Maßnahme wurde eine Vakuumgefriertrocknung (VGT) angedacht. Dieses Verfahren beruht auf dem physikalischen Prinzip der Sublimation: Ab einem Druck von 6,11 mbar, der in der Vakuumkammer erzeugt wird, geht das Eis direkt in die Gasphase über, ohne dass die zuvor eingefrorenen Objekte noch einmal nass werden. Das hat unter anderem die Vorteile, dass Stempel und wasserempfindliche Farbmedien nicht ausbluten können und kein Schimmelpilzwachstum reaktiviert wird.

Während für die meisten Archivalien aus Papier die VGT als Maßnahme zum schonenden Trocknen gut geeignet ist, stellte sich bei den Fotos als problematisch heraus, dass die bei der Bergung gebildeten Päckchen aus heterogenen fotografischen Verfahren zusammengesetzt waren. Zum Beispiel wurden Auskopierverfahren und Sofortbildverfahren zwischen Silbergelatinebarytpapieren gefunden. Letztere sind je nach Schaden gegenüber einer Trocknung in einer Vakuumgefriertrocknungsanlage un- ter bestimmten Parametern relativ unempfindlich. Im Rahmen von Vorversuchen wurde die Erfahrung gemacht, dass Auskopierverfahren und stark beschädigte PE-Papiere hingegen oft mit einer Ablösung der bildgebenden Schicht vom Träger reagieren. Sofortbildverfahren blähen sich im Vakuum auf und können dadurch irreversibel deformiert werden. Da sich die Foto-Päckchen im gefrorenen Zustand oftmals nicht voneinander trennen ließen, kam die VGT als grundsätzliche Trocknungsmaßnahme nicht in Frage. Vielmehr musste das gesamte gefrorene Material vorsortiert werden, sodass die verblockten Fotos separiert, kontrolliert aufgetaut und nass gereinigt werden konnten.

„Die Vakuumgefriertrocknung ist nur für
eine Auswahl von fotografischen Verfahren und vor allem
für gebundenes Archivgut wie Fotoalben geeignet,
da diese nicht gewässert werden.“

Die Vakuumgefriertrocknung ist nur für eine Auswahl von fotografischen Verfahren und vor allem für gebundenes Archivgut wie Fotoalben geeignet, da diese nicht gewässert werden. Fotoalben, weitestgehend intakte Silbergelatinebaryt- und PE-Papiere, Dias, Kleinbildnegative und Mikrofiches mit leichten Verschmutzungen wurden während der Sichtung separiert und weiterhin gefroren gelagert, um sie im Anschluss mittels VGT zu trocknen. Auch die vakuumgefriergetrockneten Materialien müssen im Anschluss trockengereinigt werden. Stark verschmutzte, für die VGT geeignete vereinzelte Fotos wurden daher aufgetaut und nassgereinigt, anstatt sie einer Trockenreinigung zu unterziehen, mit der eine hinreichende Schmutzreduzierung nicht hätte erzielt werden können.


Konzeption und Durchführung der konservatorischen Maßnahmen

Ziel der konservatorischen Maßnahme war es, die fotografischen Materialien auf eine möglichst schonende Art und Weise zu trocknen. Eine Lufttrocknung kam nur für die wenigen Objekte in Frage, die lediglich feucht geworden waren und in denen sich nur geringste Mengen Eis gebildet hatten. Für die komplett durchnässten und zum Teil mikrobiell kontaminierten fotografischen Materialien war eine Methode nötig, die eine sofortige Reinigung miteinschließt. Es wurde daher entschieden, die Materialien kontrolliert aufzutauen, nass zu reinigen und anschließend im Stapel zu glätten und zu trocknen. Neben den konservatorischen Maßnahmen musste in diesem Workflow auch die fotografische und schriftliche Dokumentation jedes einzelnen Objekts sichergestellt werden. Die Dokumentation ist aus konservatorischer Sicht grundlegend und besonders im Beweissicherungsverfahren für eventuelle Schadensersatzansprüche von zentraler Bedeutung [4].

Als Vorbereitung wurden im Nassraum, der primär für die Nassreinigung und Entsäuerung von Papieren vorgesehen ist, die verschiedenen Arbeitsplätze eingerichtet und mit allen nötigen Materialien ausgestattet (Abb. 5) [5]. Die Bearbeitung erfolgte unter Anleitung eines Restaurators mit jeweils vier Restaurierungshelfern. Zunächst wurden die Kartons mit den Päckchen aus der Gefriertruhe genommen und ausgestrecht. Der Inhalt der Päckchen war vor dem Auspacken aus der Truhe nicht bekannt. Es zeigte sich, dass die Kartons bei der Bergung sehr unterschiedlich mit fotografischen Materialien und AV-Medien bestückt worden waren [6]. Dies führte dazu, dass der Restaurator für jedes vorliegende Päckchen spontan entscheiden musste, ob und wie es bearbeitet werden sollte. Entscheidend dafür waren die Fragen: Welches fotografische Verfahren liegt vor? Was muss gemacht werden? Gab es dieses Schadensbild bereits? Kann die Bearbeitung von Restaurierungshelfern durchgeführt werden? Müssen sie vorher eine Einweisung bekommen?

Je nach Grad der Verblockung wurden die Fotos und Negative nach Möglichkeit vereinzelt und so Bergungseinheiten gebildet. Jede Bergungseinheit hat einen Barcode erhalten, wurde sofort bildlich dokumentiert und in einem Zedernholzkasten bei etwa 80 % rF kontrolliert aufgetaut [7]. Dieser Klimakasten wurde mit einer Plexiglasscheibe abgedeckt, sodass der Restaurator gleichzeitig das Formular zur schriftlichen Dokumentation ausfüllen konnte, ohne das Foto dabei in die Hand nehmen zu müssen [8].

An der nächsten Arbeitsstation fanden das Lösen der Verblockungen und die Reinigung in Fotowannen, die in einem der Wässerungsbecken standen, statt (Abb. 6). Die fotografischen Materialien – Farb- und Schwarz-Weiß-Baryt- und PE-Papiere, Schwarz-Weiß-Plan- und Rollfilmnegative, Farb- und Schwarz-Weiß-Kleinbildnegative sowie Mikrofiches – wurden in kaltem Leitungswasser mit einem weichen Ziegenhaarpinsel gereinigt. Jedes Foto wurde dabei nacheinander in drei frische Bäder eingetaucht. Im Anschluss tropften die Objekte auf schräg aufgestellten Fotowannen einige Minuten ab und wurden dann über Nacht zum Trocknen in einen Stapel aus Vlies und Löschkarton eingelegt [9]. Die im Flowchart eingezeichnete Fototrockentrommel konnte lediglich für intakte Silbergelatinebarytpapiere eingesetzt werden, da Fotos mit einer bereits beschädigten Bildschicht partiell weiter beschädigt worden wären. Abschließend wurden die fotografischen Materialien in Vierklappumschläge und Negativhüllen verpackt (jeweils ein Objekt pro Umschlag) und einer Qualitätssicherung durch Restauratoren unterzogen. Hierbei wurden das Ergebnis der Reinigung und die Verpackung in Vierklappumschläge überprüft.


Ergebnisse der konservatorischen Maßnahmen

Mit der Nassreinigung konnten aufliegende Verschmutzungen sichtbar reduziert werden (Abb. 7a, b) [10]. Da jedoch auf einigen Fotografien in die Emulsionsschicht eingebettete Staubpartikel im Streiflicht noch sichtbar sind, ist geplant, diese Fotos einer weiteren Reinigung zu unterziehen [11].

Um die Reduzierung der Schimmelsporen beurteilen zu können, wurden AMP/ATP-Messungen vorgenommen [12]. Diese Messungen geben Aufschluss über die Gesamtkontamination der beprobten Fläche mit aktiven und inaktiven Zellen. Da sich Sporen in einer Art Ruhestadium befinden und jederzeit auskeimen können, sind sie durch diese Messmethode nachweisbar. Die Messungen wurden an einer Auswahl von Positiven, die unterschiedlich stark verschmutzt und kontaminiert waren, vor und nach der Nassreinigung durchgeführt. Anhand der Messwerte konnte nachgewiesen werden, dass die Sporenkonzentration mit einer drei- bis viermaligen Wässerung ausreichend reduziert wurde, sodass keine gesundheitliche Gefährdung von den Fotos ausgeht. Auch ist bei dem konstanten Klima von 18–20° C und 50–55 % rF in den Magazinräumen des RDZ keine erneute Reaktivierung von Mikroben zu erwarten.

Das Lösen von Verblockungen nach dem Auftauen der Fotos war in den meisten Fällen erfolgreich. Fotopapiere, die einen Großteil ihrer Papierleimung verloren hatten und deren Nassreißfestigkeit deutlich reduziert war, mussten mit besonderer Vorsicht behandelt werden. Einige wenige Stapel sind nach wie vor verblockt (Anzahl < 10). Hiervon betroffen sind hauptsächlich Trägerpapiere, die mit der Gelatine stark verklebt sind.

In Abbildung 8 ist die Anzahl der bearbeiteten Bergungseinheiten in Abhängigkeit von der Anzahl der Tage, die monatlich im Projekt gearbeitet wurde, dargestellt [13].


Ergebnisse der Vakuumgefriertrocknung

Die Ergebnisse der Vakuumgefriertrocknung waren von verschiedenen Faktoren abhängig. Dabei spielten sowohl die Vorbereitung auf das Einfrieren, die Art und Dauer der Tiefkühllagerung als auch die Parameter der Trocknung eine Rolle. Das gesamte, stark mit Schlamm verschmutzte Archivgut aus der Nassbergung – vorwiegend Akten und die oben erwähnten fotografischen Materialien – wurde bei der Bergung direkt vor dem Einfrieren zunächst zur groben Reinigung abgespült, um unlöslichen Schlammverkrustungen vorzubeugen und dann in Stretchfolie eingewickelt. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass kein überflüssiges Wasser eingeschlossen wird, da sich sonst zu viel Eis bildet. Je mehr Eis in den zu trocknenden Objekten vorhanden ist, desto länger dauert die Sublimation und somit die Trocknung. Beim Einfrieren entstehen Eiskristalle, die mit der Zeit wachsen und die Zellwände der Cellulosefasern schädigen können. Deswegen sollten die Temperatur und relative Feuchtigkeit beim Einfrieren möglichst gering sein, damit sich nur kleine, kompakte Eiskristalle bilden. Mit einer Tiefkühllagerung bei konstanter Temperatur und einer möglichst zeitnahen Trocknung kann das Wachstum der Eiskristalle eingeschränkt werden. Die Wasseraufnahmemenge und somit die spätere Eismenge ist außerdem vom Material abhängig: Der Fotokarton in Fotoalben nimmt mehr Feuchtigkeit auf als ein einzelnes Barytpapier oder ein Kunststoffträger. Da seitenreiche Objekte erfahrungsgemäß mehr Eis enthalten als Einzelblätter, sollte vor der Trocknung eine Vorsortierung nach Objektumfang stattfinden. Beispielsweise sollten nur Fotoalben oder nur vereinzelte Fotos gemeinsam getrocknet werden.

Je länger das Archivgut in der Trocknungsanlage liegt, desto mehr Feuchtigkeit wird den Objekten entzogen und es kann zu einer Austrocknung und infolgedessen zu einer leichten Deformierung kommen, die sich zum Beispiel bei Positiven auf Papier darin äußert, dass sie sich wölben. Dem Trocknungsgut sollte daher im Anschluss die Möglichkeit gegeben werden, sich langsam zu rekonditionieren. Im Fall der fotografischen Materialien des Archivs waren keine Schäden erkennbar, die sich eindeutig auf die Tiefkühllagerung zurückführen ließen.

„Die durchgeführten konservatorischen Maßnahmen bilden einen wichtigen Meilenstein in dem fortlaufenden und noch nicht abgeschlossenen Prozess, der schließlich eine Nutzung
der Materialien wieder ermöglichen soll.“


Bei der Einstellung der Anlage ist darauf zu achten, dass Vakuumpumpe und Trocknungskammer so aufeinander abgestimmt sind, dass das gewünschte Vakuum in der Trocknungskammer schnell erzeugt werden kann. Das ist wichtig, weil die Sublimation erst ab einem Druck < 6,11 mbar beginnen kann und weil in der Kammer abhängig vom Druck eine bestimmte Temperatur vorliegt (Tab. 2) [14]. Das Absinken vom Normaldruck, 1013 mbar, auf 6,11 mbar dauert einige Minuten, in denen die gefrorenen Objekte, insbesondere Einzelblätter und Fotos antauen können. Das wäre kontraproduktiv, denn das Wasser müsste erst erneut gefrieren und der Beginn der Sublimation würde verzögert werden. Es empfiehlt sich entweder eine kleine Kammer einzusetzen oder die Kammer vorab zu kühlen, um diese Zeit der Vakuumerzeugung so kurz wie möglich zu halten. Hierbei gilt, je niedriger der Druck in der Trocknungskammer ist, desto langsamer läuft der Trocknungsprozess ab [15]. Im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum wurde das Archivgut aus Papier überwiegend bei 3,6 mbar getrocknet [16]. Für das fotografische Material wurde der Druck weiter auf 1,8 mbar abgesenkt, um die Trocknung der empfindlichen Objekte zu verlangsamen. So konnten innerhalb von drei Wochen circa 450 Objekte getrocknet werden.

Im Rahmen von Amtshilfe haben kürzlich gemachte Erfahrungen gezeigt, dass geringfügig beschädigte Positive auf Barytpapier, die nach einem leichten Wasserschaden für nur wenige Wochen tiefgefroren gelagert und mittels VGT getrocknet wurden, sich im Anschluss gut voneinander lösen ließen. Für die einsturzgeschädigten Fotos lässt dies den Rückschluss zu, dass die Verblockungen, wie bisher vermutet, auf den Einsturz und die lange Zeit, die die Fotos im Wasser lagen, zurückzuführen sind und nicht auf das Einfrieren oder die VGT.


Fazit und Ausblick

Die 18 000 gereinigten fotografischen Materialien aus der Nassbergung entsprechen circa 3,6 % der fotografischen Bestände des Archivs. Die durchgeführten konservatorischen Maßnahmen bilden einen wichtigen Meilenstein in dem fortlaufenden und noch nicht abgeschlossenen Prozess, der schließlich eine Nutzung der Materialien wieder ermöglichen soll. Im Rahmen eines Folgeprojekts finden Bestandszuordnungen statt. Ziel ist es, die Objekte wieder auffindbar zu machen und die ‚alte Ordnung‘ zumindest digital in der Datenbank wiederherzustellen. Es erfolgt eine erste Identifizierung durch Erfassungshelfer, die bei der zweiten Identifizierung durch Facharchivare bestätigt werden muss. Im Anschluss an die Erfassung werden die Fotos in die passenden Archivschachteln eingelegt, um eine konservatorisch einwandfreie Lagerung zu ermöglichen. Auch sind vor der Benutzung weiterführende konservatorische Maßnahmen an den Objekten nötig, welche Schäden an der bildgebenden Schicht oder Risse und Fehlstellen aufweisen, um ihnen die nötige Stabilität zu verleihen [17]. Dafür muss ein weiteres Projekt geschaffen werden, welches jedoch wahrscheinlich erst nach dem Umzug in den Neubau stattfinden wird.

Im neuen Archivgebäude, das sich derzeit im Bau befindet und voraussichtlich 2020 bezogen werden kann, sind für die Lagerung der fotografischen Materialien zwei unterschiedlich klimatisierte Magazine vorgesehen. Das Kühlmagazin bei 4–8° C und 30–50 % rF ist für empfindliche Verfahren, wie zum Beispiel C-Prints, Dias, Ciba- und Ilfochrome, sowie Farbnegative und Negative auf Acetatträgern, vorgesehen und das reguläre Magazin bei 14–18° C und 40–55 % rF für weniger empfindliche Verfahren, wie zum Beispiel monochrome Abzüge, Negative auf Glasplatten sowie fotomechanische Verfahren und Pigmentdrucke [18].

Darüber hinaus müssen Restaurierungsmethoden weiterentwickelt oder gänzlich neu realisiert werden, um vor allem komplexe und schwerste Schadensbilder adäquat bearbeiten zu können. Die sprichwörtliche Kuh ist also noch nicht vom Eis und es besteht nach wie vor Forschungsbedarf, der wesentlich durch die Kooperation mit Restaurierungsstudenten der Hochschulstudiengänge abgedeckt werden kann.


Anmerkungen

[1] Nadine Thiel und Katharina Weiler: „The Collapse of the Historical Archive of the City of Cologne – Four Years Later. Registration, Preservation, Re-Organisation and Conservation“, in: Journal of PaperConservation, Vol. 14 (2013), No. 1, S. 26–35.

[2] Die Erstversorgung fand im Erstversorgungszentrum (EVZ) in einer Lagerhalle der Firma Porta Möbel in Köln Porz statt. Das EVZ wurde im Anschluss zum Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) umgebaut und wird bis zum Umzug in den Neubau als Interim genutzt. Ein Teil des Archivguts lagert dort, andere Teile sind in Düsseldorf und Wermsdorf untergebracht. Zwanzig sogenannte Asylarchive wurden ebenfalls für die temporäre Unterbringung des Archivguts genutzt. Hiervon wurden fast alle in der Zwischenzeit erfolgreich geräumt.

[3] Bertrand Lavédrine: Photographs of the Past – Process and Preservation, Los Angeles: The Getty Conservation Institute 2007.

[4] Katrin Janis: Restaurierungsethik im Kontext von Wissenschaft und Praxis, München: Martin Meidenbauer 2005.

[5] Im Nassraum stehen drei festinstallierte Edelstahl-Wässerungsbecken mit Armaturen für Kalt- und Warm- sowie vollentsalztes Wasser. Die übrigen Elemente sind beweglich.

[6] Die AV-Medien wurden nahezu komplett aussortiert und zurück in die Gefriertruhen gelegt, um später durch eine AV-Medien-Restauratorin bearbeitet zu werden. Lediglich etwa 30 Schallplatten und -fragmente wurden in diesem Projekt gereinigt und getrocknet.

[7] Marie-Louise Frank: „Deformed, Torn, Degraded – Conservation, Housing and Storage of Heavily Damaged Photographs in the Collections of the City Archives of Cologne“, Vortrag auf der Konferenz der ICOM-CC Photographic Materials Working Group vom 23./24. September 2016 im Rijksmuseum Amsterdam.

[8] Bis 2016 fand die schriftliche Dokumentation analog statt, auf sogenannten Laufzetteln, einer Kurz-Doku zum Ankreuzen. Seit 2017 wird die Dokumentation digital erstellt, ebenfalls zum Ankreuzen, im sogenannten Restaurierungsdokumentationsmodul (RDM).

[9] Marie-Louise Frank und Jana Wichmann: „Echt Kölnisch Wasser! Die Trocknung von 3 lfd km Archivgut aus der Grundwasserbergung“, in: Arbeitsblätter des Arbeitskreises Nordrhein-Westfälischer Papierrestauratoren, Vol. 15 (2016), Kongress-Akten, 22. Fachgespräch der NRW-Papierrestauratoren, Duisburg, 23./24. März 2015, S. 61–66.

[10] Ebd., S. 65.

[11] Bert Jacˇek: Restauratorische Behandlung des fotografischen Bestands des Historischen Archivs der Stadt Köln, Masterarbeit, Fachhochschule Köln, 2011, unpubliziertes Manuskript.

[12] Vgl. <www.microconservation.de/hauptmenue/mikrobiologie/...> (zuletzt eingesehen am 11.08.2017).

[13] Im Januar 2014 wurde die Nassreinigung zunächst abgeschlossen. Im Mai kam dann eine weitere Lieferung tiefgefrorenen fotografischen Materials aus einem der Asylarchive.

[14] Betriebsanleitung „Gefriertrocknungsanlage Delta 1-24 LSC“, Martin Christ Gefriertrocknungsanlagen GmbH, Osterode 2008, S. 18.

[15] Ebd., S. 65

[16] Die nach der Bergung eingefrorenen 668 Gitterboxen Archivgut wurden von 2009 bis 2014 an sieben Standorten in Deutschland vakuumgefriergetrocknet.

[17] Der überwiegende Teil der etwa 500 000 Fotos, der trocken geborgen wurde, ist insgesamt weniger stark beschädigt. Diese werden vorerst nur mit Druckluft trockengereinigt und in Vierklappumschläge sowie Negativhüllen verpackt. Zu einem kleinen Teil sind sie bereits identifiziert und wieder benutzbar.

[18] Die maximalen täglichen Schwankungen betragen in beiden Magazinen +/-2° C und +/-5% rF.


Autorin

Marie-Louise Frank, Diplom-Restauratorin, Historisches Archiv der Stadt Köln, Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum, Frankfurter Str. 50, 51147 Köln, Germany, Tel. +49-221-221-34836, Fax +49-221-221-22480, marie-louise.frank@stadt-koeln.de