PERSONALIA

Steffen Siegel

VOM FOTO-HISTORAMA
ZUR KRITISCHEN FOTOGESCHICHTE

Ein Nachruf auf Bodo von Dewitz (1950–2017)

Nur wenige Ausstellungskataloge haben das Zeug zum wissenschaftlichen Standardwerk. Silber und Salz gehört ganz gewiss dazu. Dabei hat seinerzeit die Ausstellung zum, wie man so sagt, 150. Geburtstag der Fotografie kein Mensch gesehen. Das jedenfalls erzählte mir einmal ihr Kurator Bodo von Dewitz. Viel zu heiß sei der Sommer 1989 gewesen – meteorologisch wie politisch. Das war mit einem Augenzwinkern gesprochen und durchaus ein wenig kokett. Denn auch Dewitz wusste, dass ihm ein großer Wurf gelungen war. Selbst wenn seinerzeit tatsächlich zu wenig Besucher den Weg in die Ausstellung gefunden haben sollten – immerhin war sie an drei verschiedenen Orten zu sehen –, wer immer sich seither mit der frühen Fotografie beschäftigen will, wird an dem 700-seitigen Ziegelstein von einem Katalog nicht vorbeikommen.

In seiner fast drei Jahrzehnte umfassenden Tätigkeit als Kurator für Fotografie hat Bodo von Dewitz Standards gesetzt; und er tat dies unter schwierigen Bedingungen. Denn nicht allein blieb für viele Jahre ungeklärt, zu welcher musealen Institution das von ihm geleitete Agfa Foto-Historama eigentlich gehört, nachdem es 1985 der Stadt Köln als Dauerleihgabe übergeben worden war. Zwanzig Jahre später war der Fortbestand dieser einzigartigen fotohistorischen Sammlung als Ganzes gefährdet. Einer drohenden Versteigerung stellte sich ihr Kurator trickreich entgegen. Noch immer staunenswert ist sein Schachzug, das Foto-Historama als nationales Kulturgut anerkennen zu lassen und so vor Zerstreuung zu bewahren. Bodo von Dewitz war ein begnadeter institutioneller Sammler, der es verstand, am Museum Ludwig, dessen stellvertretender Direktor er schließlich auch wurde, eine der wichtigsten und facettenreichsten Sammlungen zur Fotografie aufzubauen. Noch kurz vor seiner Verabschiedung in den Ruhestand etwa ist es ihm gelungen, die von L. Fritz Gruber aufgebaute Man Ray-Sammlung dem Kölner Museum zu sichern.

Auf der Außenseite der Einladungskarte zu seiner Abschiedsfeier vom Museum Ludwig hat Bodo von Dewitz alle von ihm herausgegebenen Kataloge mit berechtigtem Stolz zusammengetragen. Darunter finden sich Meilensteine der jüngeren Fotogeschichtsschreibung wie Hugo Erfurth (1992), Alles Wahrheit! Alles Lüge! (1996), David Octavius Hill & Robert Adamson (2000), Kiosk (2001), Marinus – Heartfield (2008) oder – neben Silber und Salz mein persönlicher Favorit – Ich sehe was, was du nicht siehst (2002). Die aus solchen Ausstellungen hervorgegangenen Katalogbücher vertreten nicht allein einen beispielhaften Anspruch auf historiografische Gründlichkeit, sie haben der Fotoforschung auch aus methodenkritischer Perspektive viel zu sagen. Ein Beispiel nur: Die auf die Sammlung von Robert Lebeck zurückgehende Ausstellung Kiosk
bestand – so Dewitz wörtlich – „aus nichts als Altpapier“. Keine Originalabzüge waren zu sehen, aber dennoch einzig Vintages: Die sich gerade in jüngerer Zeit bemerkenswert intensivierende Forschung zur illustrierten Presse, zu den Zeitschriften und Magazinen schreibt sich nicht zuletzt von Kiosk her. Gemeinsam mit Lebeck wurde Bodo von Dewitz hierfür mit dem Annual Infinity Award des International Center of Photography in New York ausgezeichnet.

Das persönliche Motto Erich Stengers, auf dessen Privatsammlung das Agfa Foto-Historama zurückgeht, soll es gewesen sein, „sich von einer Arbeit durch eine andere zu erholen“. Dewitz hat dieser Idee nicht allein einen Aufsatz gewidmet, er hat es auch selbst so gehalten. Im vergangenen Jahr erschienen zwei Bände, in denen er die Geschichte der Familie Siemens in tausenden historischen Aufnahmen nachzeichnet. Die Arbeit hieran trotzte er bereits seiner schweren Erkrankung ab. Es ist eine schmerzliche Nachricht, dass Bodo von Dewitz am 17. November 2017, im Alter von 67 Jahren, in Bonn gestorben ist.


Autor

Prof. Dr. Steffen Siegel, Folkwang Universität der Künste, Fachbereich Gestaltung, Martin-Kremmer-Str. 21, 45327 Essen, Germany, Tel. +49-201-6505-1539, steffen.siegel@folkwang-uni.de