MATERIALITÄT

Esther Neumann

DAS HISTORISCHE FOTOARCHIV
DES RAT FÜR FORMGEBUNG
DER 1950ER BIS 1990ER JAHRE

Zur Inventarisierung, Digitalisierung und Erschließung des Teilbestandes WMF
durch die Stiftung Deutsches Design Museum

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Zur Geschichte des Fotoarchivs1950 formulierte Wilhelm Wagenfeld (1900–1990), Produktdesigner und Mitglied des Deutschen Werkbundes, unter dem Titel „Deutsches Institut für industrielle Standardform“ [1] Argumente für die Gründung eines Gremiums zur Förderung industrieller Formgebung, wobei auch ein Archiv als fester Bestandteil vorgesehen war. Dieses Archiv sollte „Text- und Bildmaterial“ sowohl „vorbildlicher Industrieerzeugnisse“ als auch der „meist verbreiteten minderwertigen und handels-üblichen Industrieerzeugnisse“ enthalten.

Weitere Gespräche zwischen Gestaltern, Unternehmern und Politikern führten 1951 zur Gründung der gemeinnützigen Stiftung Rat für Formgebung durch einen Beschluss des Deutschen Bundestages mit dem Zweck, „alle Maßnahmen zu fördern, die dazu dienen, industriellen und handwerklichen Erzeugnissen eine gute Form zu geben“ [2]. Der Rat für Formgebung setzte sich aus Unternehmern und Formgestaltern zusammen, die überwiegend auch dem Werkbund angehörten. 1953 wurde die Stiftung Rat für Formgebung ins Hessische Stiftungsregister aufgenommen. Der erste Sitz der Stiftung befand sich bis 1987 in Darmstadt. Die Idee eines Archivs wurde laut Satzung des Rat für Formgebung 1953 mit der „Einrichtung einer Bildkartei nach Art der früheren Deutschen Warenkunde“ [3] umgesetzt.

Der Sammlungsbestand

Fokussiert auf das Sammeln von Fotografien hervorragender Produkte deutscher designorientierter Unternehmen (Abb. 1) wie auch internationaler Hersteller, reicht die Vielfalt der Motive von Alltagsgegenständen des Konsumgüterbereichs (Abb. 2) über Produkte der Arbeitswelt – etwa Büromaschinen – bis hin zu größeren Investitionsgütern, wie beispielsweise Steuerungsanlagen. Weitere Fotografien dokumentieren die Aktivitäten des Rat für Formgebung mit seinen internationalen Beteiligungen an Messen, beispielsweise den Triennalen in Mailand, seinen Ausstellungen und Kongressen zur Vermittlung der Formgestaltung in Deutschland oder seinen Präsentationen der produzierenden Unternehmen.

Diese vielzähligen Aktivitäten gingen mit einem Bedarf an professionellen Fotografien einher, die von den beteiligten Unternehmen dem Fotoarchiv zur Verfügung gestellt wurden (Abb. 3). Andere Aufnahmen kamen durch gezielte Anfragen sowie im Rahmen der Veröffentlichungen der vier Bände zur Deutschen Warenkunde ins Archiv, die in den Jahren 1955, 1956 und 1961 mit Unterstützung des Rat für Formgebung herausgegeben wurden [4]. Mit dem Design Council in London wurde 1961 ein Austausch von Fotografien vereinbart [5]. Der von 1969 bis 2001 durch das Bundeswirtschaftsministerium ausgelobte Designpreis Bundespreis Gute Form [6] wurde vom Rat für Formgebung durchgeführt. Prämierte Objekte wurden zur Dokumentation sowie für den dazu jährlich erscheinenden Katalog zum Bundespreis Gute Form fotografiert.

Stiftung Deutsches Design Museum

Die 2011 durch die Stiftung Rat für Formgebung gegründete gemeinnützige Stiftung Deutsches Design Museum ist operativ tätig und fördert das Themenspektrum Design als prägendes Element von Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft. Sie hat das Ziel, interdisziplinäres Designbewusstsein zu fördern und in einer breiten Öffentlichkeit zu verankern, Kreativität zu wecken und weiterzuentwickeln, Wissen zu vermitteln und mit Leben zu erfüllen. Mit dem praxisorientierten Workshop-Programm „Entdecke Design“ engagiert sich die Stiftung in bundesweiten Bildungs- und Kulturinitiativen. Als aktiver Partner für Unternehmen mit Sammlungen von Produktdesign bietet sie sich als Ansprechpartner an. Fördern, Vermitteln, Sammeln, Diskutieren: Diese Ziele verfolgt die Stiftungsarbeit bundesweit mit Workshops, Symposien und Ausstellungen.

Korrespondenzadresse und Verwaltung: Stiftung Deutsches Design Museum, c/o Rat für Formgebung, Messeturm, Friedrich-Ebert-Anlage 49, 60327 Frankfurt am Main, Germany, Tel. +49-69-7474-86-0, Fax +49-69-7474-86-19, https://www.deutschesdesignmuseum.de,
info@deutschesdesignmuseum.de

Der Schwerpunkt der Nutzung des Fotoarchivs lag in den 1950er bis 1960er Jahren; die Sammeltätigkeit setzte sich jedoch bis Anfang der 1990er Jahre fort. Das Bildmaterial wurde eingesehen von Lehrenden und Lernenden, Gestaltern, Studenten und produzierenden Unternehmen sowie von Einkäufern aus dem In- und Ausland. Neben der Vorlage für Archivbesucher wurden die Abzüge auch für Veröffentlichungen in Printmedien und Fernsehsendungen genutzt. Die Fotografien dienten als Analyseinstrument zur Beobachtung des Marktes [7], als Vergleichsobjekte bei Rechtsstreitigkeiten [8] und wurden in Jurysitzungen eingesetzt. Die Gründe für themenspezifische Anfragen nach Fotografien reichten vom Erstellen von Gutachten über die Ausstattung von Ministerien in Deutschland bis hin zur Schaufenstergestaltung in Kaufhäusern. Internationale Anfragen kamen aus Österreich, den Niederlanden, Dänemark, Italien, England – etwa vom Victoria and Albert Museum in London – bis hin zur Rhode Island School of Design in Providence in den USA, um nur einige Länder zu nennen. Für internationale Wanderausstellungen, zum Beispiel des Instituts für Auslandsbeziehungen, wurden Großfotoserien angefertigt, die in vielen Teilen der Welt gezeigt wurden.


Aufgrund seiner Provenienz, seiner Komplexität und seines Umfangs stellt das historische Fotoarchiv der Stiftung Rat für Formgebung eine einzigartige Sammlung von hohem designkulturellem und historischem Wert dar. Es dokumentiert sowohl die designorientierte Produkt- und Lebenswelt der 1950er bis Anfang der 1990er Jahre (Abb. 4) als auch die Entwicklung der Produkt- und Sachfotografie (Abb. 5).

Umfang


Einige Tätigkeitsberichte des Rat für Formgebung geben Auskunft über den Umfang und den Zuwachs des Bestandes. So wird im Tätigkeitsbericht 1956/57 die Anzahl der Fotografien – es handelt sich ausschließlich um Papierabzüge – bereits mit 4 734 Einzelfotos und 517 Duplikaten angegeben [9]. Bei letzteren handelt es sich um in Serie und meist in höheren Auflagen abgezogene Fotografien auf gleichem Fotopapier im gleichen Format. Es finden sich aber auch Papierabzüge desselben Negativs, die vermutlich zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sind, wofür die Verwendung anderer Fotopapiere, Formate und veränderte Belichtungen sowie die sich darauf befindenden Eingangsstempel sprechen. Dieser schnelle Zuwachs mag auch auf das Erscheinen des ersten Bandes der Deutschen Warenkunde zurückzuführen sein. Des Weiteren bestand bereits ein reger Leihverkehr: „Rund 1 000 Fotos wurden an verschiedene Interessenten ausgeliehen.“ [10]

Ende 1960 hatte sich der Bestand mit 10 200 Fotos und 4 000 Duplikaten bereits mehr als verdoppelt. Erneut wurde im Tätigkeitsbericht die rege Nutzung hervorgehoben: „Verliehen wurden an Zeitungen, Zeitschriften und Persönlichkeiten des In- und Auslandes 2 500 Aufnahmen, was für die starke Beanspruchung des Archivs Zeugnis ablegt.“ [11] 1970 umfasste das Fotoarchiv bereits 40 000 Fotografien, allerdings ohne Angaben zu Duplikaten [12]. Damit erreichte das Archiv beinahe schon den Umfang, der bei dessen Erhebung im Jahr 2015 mit circa 42 000 Fotografien, die auf etwa 24 000 Registermappen verteilt sind, geschätzt wurde. Etwa 10 000 Fotografien sind Duplikate. Daraus ergeben sich rund 32 000 Motive. Nimmt man die Registermappen und Papierabzüge sowie einige wenige Drucksachen zusammen, liegen etwa 66 000 Objekte vor.

Ein weiterer kleinerer Fotobestand des Rat für Formgebung ist die zu Vorträgen und Lehrzwecken eingerichtete Diapositivsammlung. Auf deren Grundlage veröffentlichte der Rat 1962 den Dia-Katalog [13], ein Verzeichnis der Diapositivsammlung mit einer Auswahl von zunächst 1 300 Motiven, versehen mit Grundinformationen zu den abgebildeten Produkten. Eine Erweiterung des Dia-Katalogs 1963/64 beinhal-
tet insgesamt 1 589 Motive. Die zur Ausleihe für Vorträge angelegten Diapositive konnten anhand von Dianummern, die als Ziffernreihe neben den Motiven standen, bestellt werden.

Bildsprache

Auffallend an den Fotografien ist die klare Haltung ihrer Bildsprache zur Unterstützung der „Guten Form“ [14], insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren (Abb. 6). Die zurückgenommene Ästhetik der sachlich anmutenden Bilder präsentiert die Produkte als zeitlose Objekte. Im Fokus stehen die Materialität und die Form der abgebildeten Objekte. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang der Sachfotograf Willi Moegle (1897–1989), der für viele im Archiv vertretene Unternehmen, wie zum Beispiel Arzberg, Schönwald, Zwiesel, Jenaer Glas, Bauknecht, Lübke oder WKV, Produkte fotografiert hat. Moegle wurde auch vom Rat für Formgebung beauftragt, die Katalogbeiträge zum Bundespreis Gute Form der Jahre 1971 und 1972 aufzunehmen [15]. Als weitere Fotografinnen und Fotografen können Monika von Boch (1915–1993), Sophie-Renate Gnamm (*1930), Adolf Lazi (1884–1955), Wolfgang Siol (1929–2016) wie auch der bis heute wenig bekannte Karl Schuhmacher (1914–2006), Werkfotograf von WMF, der eng mit Wilhelm Wagenfeld zusammengearbeitet hat (vgl. Abb. 2), genannt werden. Es lassen sich nur einige der Fotografinnen und Fotografen eindeutig durch Fotografenstempel auf den Rückseiten einiger Fotografien als Urheber und Urheberinnen identifizieren. Die Mehrzahl der veröffentlichten Fotografien wurde als Werkfotos oder Werkaufnahmen ohne Urheberangaben bezeichnet.

Materialität


Bei den Fotografien handelt es sich um Gebrauchsfotografien wie Pressefotos, Werkfotos, Dokumentationen, für Druckvorlagen retuschierte Fotografien, Produktfotografien oder Werbeaufnahmen (Abb. 7). Der Anteil an Schwarz-Weiß-Fotografien auf Silbergelatinepapier überwiegt deutlich. Ihre Farbtöne füllen das ganze Spektrum von kalt-blaustichig bis hin zu warmen Brauntönen aus. Unter den wenigen Farbfotografien aus den 1950er bis 1960er Jahren konnten auch einige wenige Dye-Transfer-Prints identifiziert werden. Viele der damals gebräuchlichen Papierfabrikate wie Leonar, Mimosa Kiel, Agfa (Brovira) und Argenta wurden ermittelt. Dabei fällt die Genauigkeit bei der Wahl des Entwicklungspapiers auf, um durch die Feinabstufungen der Töne und der Silberdichte die gewünschte Interpretation der Objekte durch die Fotografie zu erzielen. Ab Anfang der 1970er Jahre lässt sich eine zunehmende Verwendung von PE-Papier feststellen. Bei den späteren Farbfotografien Mitte der 1970er Jahre sind häufig die weitverbreiteten chromogenen Farbabzüge zu finden. Die Formate liegen überwiegend bei 18 × 24 cm oder kleiner.


Auf den Rückseiten der Fotografien ist eine Vielzahl an Informationen verzeichnet (Abb. 8). Sie weisen einen Eingangs- und Eigentumsstempel des Rat für Formgebung auf, mitunter sind auch Stempel der Fotografen und der Unternehmen angebracht. Häufig befinden sich auf ihnen handschriftliche Notizen mit Bleistift oder Kugelschreiber sowie mit Schreibmaschine geschriebene Bilderläuterungen. So heißt es auf der Rückseite der Fotografie mit dem Jungen: „Dieses heitere Kinderbesteck wurde von einer Frau entworfen, die weiß, was Kindern Spaß macht. Beim Anblick der Harlekine, die so lustig über die Griffe turnen, schmeckt es sogar dem Suppenkasper. Entwurf: Sigrid Kupetz. WMF-Bild“.

Was die Informationsdichte besonders auszeichnet, sind Datenpässe, also vom Hersteller mitgelieferte Begleitzettel mit Produktinformationen beispielsweise zu Material und Technik, Entwurfsjahr und Gestalter oder gelegentlich kurzen Werbetexten, die – zum Nachteil der Fotografien – mit transparentem Klebeband, Klebstoffen oder Heftklammern auf den Rückseiten der Fotografien befestigt wurden. In den Registermappen, in denen die Fotografien abgelegt wurden, ist zusätzlich die Ausleihe der Fotografie verzeichnet worden sowie wann und wo das abgebildete Design-Objekt auf Ausstellungen gezeigt und möglicherweise ausgezeichnet wurde.

Erhaltungszustand


Der Zustand der Fotografien ist überwiegend gut. Bisher konnten nur wenige endogene Schäden festgestellt werden, was auf eine professionelle Verarbeitung der Fotografien in den Laboren schließen lässt. Die auffälligsten Schäden, die sich durch das gesamte Fotoarchiv hindurchziehen, sind exogener Art und lassen sich auf den regen Gebrauch der Fotografien zurückführen. Die häufigsten Schadensbilder sind Fingerabdrücke, durch die Lagerung ausgelöste Druckstellen, Beschriftungen auf der Rückseite, Fehlstellen auf den Bildseiten durch aufeinandergestapelte und dadurch mitunter zusammengeklebte Fotografien sowie Vergilbungen durch Klebstoffe, Abrieb, angestoßene Ecken und Ränder durch das Herausziehen und Zurückschieben der Fotografien in die Registermappen oder unsachgemäße Lagerung und Verpackung.

Systematik


Die Fotografien wurden in Registermappen abgelegt. In diesen wurden jeweils alle Fotografien zu einem Designobjekt gesammelt, sowohl Variationen des abgebildeten Objekts verschiedener Fotografen und Zeitpunkte als auch Duplikate.
Der Tätigkeitsbericht von 1957/1958 belegt, dass die Ordnung des Fotoarchivs sich an der Klassifizierung gemäß der Deutschen Warenkunde von 1955 orientierte, die von Heinz Georg Pfaender ausgearbeitet wurde [16]. Dort werden in den Bänden 1, 2 und 4 die Produkte in bis zu 22 Hauptgruppen und 13 Untergruppen gegliedert. Eine Ausnahme bildet der Band 3, ein Sonderband zum Thema Handwerk von 1961.

Diese Systematik wurde auf das Archiv übertragen, sodass die Kategorisierungen den Material- und Produktgruppen entsprechen: 1) Keramik, 2) Glas, 3) Kunststoffe, 4) Bestecke und Schneidewaren aus Metall, 5) Tischgeräte aus Metall, 6) Küchengeräte aus Metall, 7) Holz-, Flecht- und Bürstenwaren, 8) Koffer, Taschen, Beutel, 9) Wohn- und Hauswirtschaftsgerät, 10) Öfen, Herde und Zubehör, 11) Büromaschinen und -gerät, 12) Uhren, 13) Leuchten, 14) Textilien, 15) Tapeten, 16) Bodenbelag, 17) vollständige Zimmer- und Kücheneinrichtungen, 18) Sitz- und Liegemöbel, 19) Tische, 20) Kastenmöbel, Regale und Ständer, 21) Kindermöbel, 22) Spielzeug.

Diese Klassifizierung musste vermutlich aufgrund des ständig wachsenden Warenangebots und neuer Materialeinführungen erweitert werden. So verzeichnet der 1962 erschienene Dia-Katalog bereits 30 Material- und Produktgruppen, als Orientierung diente abermals die Deutsche Warenkunde von 1955. Doch auch diese erweiterte Ordnung reichte nicht aus, um die vielen neuen, für den Alltag und die Arbeitswelt hergestellten Produkte zu klassifizieren und differenzieren. Nochmals wurden daher einige der Hauptgruppen um weitere Untergruppen erweitert. Zudem wurde das Archiv zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich um weitere Hauptpunkte ergänzt, welche Modelle, Ereignisse, temporäre Architekturen und Porträts umfassen. Insgesamt umfasst das Fotoarchiv heute 33 Sektionen mit circa 200 Untergruppen.

Die sich aus den Haupt- und Untergruppen ergebenden Leitzahlen wurden als Struktur auf das Archiv übertragen. Da sich mit der Erweiterung der Kategorien einige Untergruppen verschoben hatten, ist dem Gebrauch nach anzunehmen, dass einige Fotografien der betroffenen Produktgruppen im Kontext der Deutschen Warenkunde von 1955 belassen, hingegen neu hinzugekommene Fotografien anhand der erweiterten Klassifizierungen des Dia-Katalogs und folgender Erweiterungen eingeordnet wurden.

Die Ablage der physischen Originale, die auf dem Nachfalz der Mappen verzeichnet ist, baut sich wie folgt auf: Entwurfsjahr | Bezeichnung des Gegenstands | Unternehmen | Produkt- bzw. Materialgruppe / Untergruppe. Die Fotografie einer von Wilhelm Wagenknecht 1964 für WMF entworfenen Obstschale (Abb. 9) wurde beispielsweise in eine mit der Leitzahl 5.4 – 5 für die Gruppe „Tischgeräte aus Metall“ und 4 für die Abteilung „Dosen, Schüsseln, Schalen, Platten“ – beschriftete Registermappe eingeordnet (Abb. 10).

Was den heutigen Zustand des Fotoarchivs betrifft, so ist festzustellen, dass sich die Bestände der Produkt- und Materialgruppen nicht immer in einer konsistenten Ordnung befinden. Der Gebrauch des Archivs, also die Suche nach Bildern, funktioniert jedoch nach wie vor sehr gut. Es war daher ein Ziel, die zuletzt vorgefundene Ordnung des Archivs auch auf digitalem Wege nachvollziehbar zu machen.

Inventarisierung, Digitalisierung und Erschließung des Teilbestandes WMF

Ein Gesamtverzeichnis oder Inventarbuch zu den Fotografien, das auf die Zeit der Gründung des Fotoarchivs im Jahr 1953 zurückzuführen wäre, ist nicht überliefert. Die Veröffentlichungen der ersten vier Bände zur Deutschen Warenkunde geben, begrenzt auf die publizierten Fotografien, einen kleinen Überblick über den Sammlungsbestand bis 1961. In den 1990er Jahren, nach dem Umzug des Rat für Formgebung 1987 von Darmstadt nach Frankfurt, wurde ein erster Anlauf unternommen, das Fotoarchiv zu sichten, zu ordnen und zu inventarisieren.

Für das Pilotprojekt im Jahr 2015 fiel die Auswahl auf den fotografischen Teilbestand zu Produkten der Württembergischen Metallwarenfabrik WMF. Die weitverbreitete Produktpalette von hochwertigen Haushaltsgegenständen der WMF spiegelt beispielhaft den Gedanken der „Guten Form“. Einer der wichtigsten Gestalter der Nachkriegszeit und einflussreicher Vertreter des Entwerfens langlebiger, schöner und zeitloser Gebrauchsgüter war Wilhelm Wagenfeld, der für WMF eine Vielzahl von Designklassikern gestaltete. Vom Besteck über Kochtöpfe bis hin zum eleganten Aschenbecher finden sich bis heute viele der auf den Fotografien gezeigten Produkte in Haushalten wieder. Der Teilbestand umfasst Produkte aus dem Zeitraum von 1920 bis 1973, wobei es sich bei den beiden Objekten vor 1950 um den Werksentwurf eines Tabletts in drei Größen aus dem Jahr 1920 sowie um eine Vasen von Wilhelm Wagenfeld aus dem Jahr 1949 handelt.

Für WMF gestaltete Wilhelm Wagenfeld das beliebte Set „Max & Moritz“, bestehend aus Salz- und Pfefferstreuer, die man bis heute mit oder ohne Allzweckschälchen erwerben kann; ebenso die zeitlose, praktikable Butterdose aus dem Jahr 1957 (vgl. Abb. 1), deren Teller aus Cromargan besteht. Durch dessen nach oben gebogene, weit herausgezogene Enden entstehen Griffe, mit denen die Butterdose sicher in die Hand genommen werden kann. Die Butterdose ist wahlweise mit einer Haube aus Kunststoff oder aus Pressglas erhältlich. Auch die aus Hotelsilber gefertigte Teekanne aus dem Jahr 1956/57, die eine besonders schwere und damit widerstandsfähige Silberauflage aufweist, ist bis heute in einigen Cafés und Hotels in Gebrauch (vgl. Abb. 4). Die Fotografie, die die Sektschale und den Sektkelch aus der Trinkglasgarnitur „Mario“ zeigt (vgl. Abb.2), wurde vom Werkfotografen Karl Schuhmacher inszeniert. Darin betont die Brechung der im Fotostudio gesetzten Lichter besonders die Form der Ränder der Gläser. Der Untergrund ist eine spiegelnde Fläche, in der sich die Form ausschnittsweise wiederholt. Insbesondere die Form des Sektkelchs, die in einem kurzen Stiel endet, findet sich abgewandelt bis heute bei vielen Sektgläsern wieder. Ungewöhnlich für eine Werbefotografie von WMF ist das Foto der Obstschale von Wilhelm Wagenfeld (vgl. Abb. 9). In der üppig mit Obst belegten Schale ragt in der Mitte eine Ananas hervor, in der ein Obstmesser – selbstverständlich ebenfalls von WMF – steckt.

Die Anzahl von 418 Registermappen, auf die sich 1 074 Fotografien und 7 Drucksachen verteilten, sowie deren Verteilung im Gesamtbestand auf 6 Hauptgruppen ermöglichten es, anhand der Erschließung dieses Teilbestandes Fragestellungen zur Erarbeitung eines Workflows zu entwickeln.

Inventarnummern

Im ersten Anlauf in den 1990er Jahren wurden um die 10 000 Fotografien inventarisiert, fortlaufend beim ersten Objekt der Gruppe 1/1 bis zur Gruppe 7. Während dieser ersten Inventarisierung wurden Fotografien mit Motiv-Variationen des abgebildeten Designobjekts getrennt und jeweils in eine neue Registermappe gelegt und mit derselben Leitzahl verzeichnet. Duplikate wurden der entsprechenden Registermappe zugeordnet. Jede Fotografie in der Registermappe erhielt die gleiche sechsstellige Inventarnummer, die ebenfalls auf die Registermappe übertragen wurde.

Diese Vorgehensweise, Bildvariationen zu einem Produkt aus der ursprünglichen Registermappe zu lösen, wurde im Pilotprojekt beibehalten. Neue Registermappen wurden jedoch nicht angelegt. Herausgelöste Fotografien wurden in konservatorisch sachgerechte Fotopapiertaschen abgelegt und die einzelnen Motive durch eine eigene Inventarnummer gekennzeichnet. Die Zusammengehörigkeit von Registermappe und den darin enthaltenen Fotografien sollte bei der digitalen Erschließung erhalten bleiben, um die in den Registermappen notierten Informationen zur Verfügung zu halten. Ebenso wurden Duplikate digitalisiert, deren Informationen auf den Rückseiten sich bisweilen unterscheiden und ergänzen.

Für das Erschließungsprojekt wurde die neu zu vergebende Inventarnummer anhand zweier Kriterien entwickelt: zum einen in Übereinstimmung mit dem Dateinamen für die Digitalisierung, zum anderen im Hinblick auf das Ziel, die aus den Fotografien, möglichen Variationen und der Registermappe sich ergebenden Teilkonvolute als solche abbilden zu können. Die Inventarnummer setzt sich aus den Präfixen „SDDM“ – als beherbergende Institution – und „HF“ – als Bezeichnung des Fotoarchivs – und zwei darauffolgende Zahlenreihen zusammen. Eine siebenstellige Zahl, die das Teilkonvolut identifiziert, gewährleistet die Maschinenlesbarkeit in der Datenbank; ein dreistelliges Suffix dient der Benennung der Bestandteile (Registermappe, Foto 1, Foto 2 ...). Die in Abbildung 9 gezeigte Fotografie trägt die Inventarnummer SDDM HF 0.000.161.002. Analog dazu lautet der Dateiname des Digitalisats SDDM_HF_0000161_002.

Workflow

Zunächst wurden die WMF-Fotografien samt Registermappen aus dem Gesamtbestand herausgelöst, wo sie in den Gruppen 2) Glas, 4) Bestecke und Schneidewaren aus Metall, 5) Tischgeräte aus Metall, 6) Küchengeräte und Küchenmaschinen aus Metall, 13) Lampen, Leuchten sowie 31) Ausstellungsarchitektur abgelegt waren.

Im nächsten Schritt wurde der Zustand der Fotografien begutachtet und mithilfe des „Thesaurus Schadensbilder“ (Marjen Schmidt) [17] klassifiziert. Ebenso wurde die Übereinstimmung der Objektangaben auf der Rückseite der Fotografie mit jenen auf der Registermappe abgeglichen. Bei Duplikaten erfolgte der Abgleich von Abzug und Objektangaben auf der Rückseite sowie die Überprüfung abweichender Belichtungen, woraus sich die Auswahl der Fotografie oder Fotografien für die Digitalisierung ergab. Die neue Inventarnummer wurde mit Bleistift auf den Registermappen und den Fotografien wie auf den neuen Umschlägen verzeichnet, in die die Objekte umgetascht wurden. Die Umschläge sind an drei Seiten offen, um das Einlegen der Fotografien, an denen die Datenpässe angebracht sind, zu erleichtern. Anschließend erfolgte die fotografische Dokumentation der Registermappe, bevor der Umschlag mit der oder auch den Fotografien wieder in die Registermappe zurückgelegt wurde. Die Ablage der inventarisierten Objekte erfolgte in stabilen Archivboxen des Formats A4, die sie nicht nur vor Licht und Staub schützen, sondern sich auch für den Transport – in diesem Fall zur Digitalisierung in Dresden – eignen. In einer Excel-Liste erfolgte die Erfassung von Basisinformationen, die sich sowohl auf die Fotografie als auch auf das abgebildete Objekt, auf die systematische Ordnung und die Logistik (Standort / Box und Transport) des Projekts beziehen. Die Anzahl der zu digitalisierenden Objekte belief sich auf 418 Registermappen und 576 Fotografien sowie 2 Drucksachen. Bei 535 Fotografien konnten unterschiedliche Motive identifiziert werden. 40 Fotografien weisen abweichende Angaben auf den Rückseiten auf oder unterscheiden sich in der Belichtung. Die beiden Drucksachen mit Abbildungen des jeweiligen Produkts befanden sich in zwei verschiedenen Registermappen. Der Zeitaufwand für das Teilprojekt lag im Durchschnitt bei 6 Objekten pro Stunde, insgesamt bei circa 250 Stunden.

Die Fotografien samt Rückseiten und die Registermappen wurden am Deutschen Digitalisierungszentrum (DDZ) der SLUB Dresden mit einer digitalen Mittelformatkamera des Herstellers Phase One abfotografiert [18]. Alle Objekte wurden vollformatig abgelichtet. Folgende Spezifikationen wurden dabei für die Bilddateien festgelegt: Die Master-Dateien im TIFF-Format haben eine Farbtiefe von 8-Bit im Farbraum Adobe RGB (1998) bei einer Auflösung von 300 dpi (6700 × 8900 px) und die Gebrauchsderivate im JPEG-Format umfassen eine Farbtiefe von 8-Bit im Farbraum RGB bei einer Auflösung von 300 dpi (1800 × 1200 px).

Die Datenmenge des WMF-Pilotprojekts beläuft sich auf 1 578 Master-Dateien im TIFF-Format mit einer Gesamtgröße von 286 407 GB sowie auf ebenso viele Gebrauchsderivate im JPEG-Format mit insgesamt 838,5 MB.

Erschließung und digitale Bereitstellung


Die Erschließung des WMF-Bestandes wurde über die Bilddatenbank der Deutschen Fotothek, das Art Publishing System (APS) der Stegmann Systems GmbH, vorgenommen. In Zusammenarbeit mit Dr. Jens Bove und Dr. Katja Leiskau von der Deutschen Fotothek wurde für die Eingabe in die Bilddatenbank eine Erschließungsmaske entwickelt, in der detaillierte Angaben sowohl zu den Fotografien als auch zu den abgebildeten Objekten verzeichnet wurden. Als Standard für die Strukturierung der Daten wurde das LIDO-Schema [19] angewandt. Die vertiefende Erschließung fand durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Fotothek statt. Dafür wurden die Informationen auf den Rückseiten der Fotografien, auf den Datenpässen und Registermappen übertragen wie auch Schlagworte vergeben. Durch die Installation eines Client der APS-Bilddatenbank auf einem Computer der SDDM konnte ein Zugriff auf die Datensätze zwecks Ergänzungen oder Änderungen von Eingaben gewährleistet werden, die von einer vorab in Dresden geschulten Mitarbeiterin der SDDM vorgenommen wurden.

Für das Herauslösen aus dem Gesamtbestand und die Erschließung der Fotografien waren im Vorfeld detaillierte Recherchen zum Unternehmen und dessen Produktpaletten in den betreffenden Zeiträumen notwendig. Auch die Auswertung bezüglich der Übereinstimmung der Objektangaben von Fotografie und Registermappe war mitunter zeitaufwendig. Dabei erwiesen sich jedoch die Hinweise langjähriger WMF-Mitarbeiter zu den Objekten und Fotografien als besonders hilfreich. Die Vergabe zeitgemäßer Sachbegriffe für obsolet gewordene Gebrauchsgegenstände ist anspruchsvoll und zeitlich nicht zu unterschätzen. Diese Schwierigkeiten gilt es bei der Erschließung des Gesamtbestandes des historischen Fotoarchivs des Rat für Formgebung zu berücksichtigen.

Fazit

Die umfangreichen Erfahrungen der Deutschen Fotothek bei der digitalen Erschließung fotografischer Bestände waren für die SDDM sehr hilfreich. Die Kooperation mit der Deutschen Fotothek gewährleistete zudem die professionelle Digitalisierung der Fotografien mit allen notwendigen technischen Parametern für eine Sicherung der Bilddatensätze im Sinne einer Langzeitarchivierung sowie die wissenschaftliche Standardisierung der Informationsaufzeichnung. Auch die Online-Stellung der Fotografien erfolgte auf der Website der Deutschen Fotothek (<www.deutschefotothek.de>), deren Angebot auf kunst-, architektur- und designwissenschaftliche Fragestellungen ausgerichtet ist [20].

Eine Erschließung des gesamten historischen Fotoarchivs des Rat für Formgebung ist geplant, jedoch abhängig von der Bewilligung von Fördermitteln. Im Dezember 2017 konnte die Erschließung des Dia-Katalogs des Rat für Formgebung ebenfalls in Kooperation mit der Deutschen Fotothek in der SLUB Dresden und mit Unterstützung der Stiftung Flughafen Frankfurt/Main für die Region und der Stiftung Rat für Formgebung abgeschlossen werden. Dank einer Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bereich „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme“ (LIS) wird im April 2018 die Erschließung weiterer Archivbestände folgen.

Anmerkungen

[1] Bundesarchiv Koblenz, Akte 34493, Wilhelm Wagenfeld: Deutsches Institut für industrielle Standardform. Vorgeschlagen und erläutert von Wilhelm Wagenfeld, vorgestellt auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Werkbundes (Württemberg-Baden) am 7. Januar 1950, Stuttgart: Gerd Hatje [Februar] 1950.

[2] Bundesarchiv Koblenz, Akte 34496, Satzung zur Stiftung zur Förderung der Formgestaltung, Rat für Formgebung, o. P.

[3] Bundesarchiv Koblenz, Akte 34496, Brief an den Bundesminister der Finanzen, Bonn, 17. Mai 1951, Betreff: Errichtung eines Rates für Formgebung, 1951, S. 2. Bei der Deutschen Warenkunde handelt es sich um eine Publikationsreihe des Deutschen Werkbundes in der Art eines bebilderten Katalogs, in dem Gebrauchsgüter vorgestellt werden, die aufgrund ihrer Verarbeitung und Formgebung als vorbildlich galten.

[4] Mia Seeger und Stephan Hirzel: Deutsche Warenkunde. Eine Bildkartei des Deutschen Werkbundes, herausgegeben mit Unterstützung des Rat für Formgebung, Bd. 1–4, Stuttgart: Hatje 1955/1956/1961/1961.

[5] Rat für Formgebung (Hg.): Tätigkeitsbericht, Darmstadt 1961, S. 14.

[6] Der Name des Designpreises wurde 2002 geändert in Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, vergeben durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Die Ausrichtung dieses Preises erfolgte bis ins Jahr 2011 durch den Rat für Formgebung.

[7] Rat für Formgebung (Hg.): Tätigkeitsbericht, Darmstadt 1959/1960, S. 3.

[8] Ebd., S. 12.

[9] Rat für Formgebung (Hg.): Tätigkeitsbericht, Darmstadt 1956/1957, S. 21.

[10] Ebd.

[11] Rat für Formgebung (Hg.): Tätigkeitsbericht, Darmstadt 1959/1960, S. 17.

[12] Rat für Formgebung (Hg.): Tätigkeitsbericht, Darmstadt 1970, S. 9.

[13] Rat für Formgebung (Hg.): Dia-Katalog, Darmstadt 1962.

[14] Der Schweizer Gestalter und Künstler Max Bill prägte den Begriff der „Guten Form“ für zeitlos gestaltetes, der sachlichen Form und Funktion folgendes Design. Vgl. Max Bill: Die Gute Form. Wanderausstellung des Schweizerischen Werkbundes, Ausst.-Kat., Reihe: Wegleitung des Kunstgewerbemuseums, Zürich, Bd. 183, Zürich [1950].

[15] Vgl. dazu Rat für Formgebung (Hg.): In anderem Licht. Lichtinszenierungen in der Sachfotografie aus fünf Jahrzehnten, Ausst.-Kat., Mainz: Hermann Schmidt 1994.

[16] Dr. Ing. Heinz Georg Pfaender (1928–2015) war von 1971 bis 1990 Professor am Fachbereich Gestaltung im Fachgebiet Industriedesign der Hochschule Darmstadt.

[17] „Thesaurus Schadensbilder“, erstellt von Marjen Schmidt, <www.fotoerbe-sachsen.de/thesauri/thesaurus-schaden...> (zuletzt eingesehen am 04.10.2017).

[18] Zum Deutschen Digitalisierungszentrum (DDZ) der SLUB Dresden vgl. <www.slub-dresden.de/ueber-uns/ddz/> (zuletzt eingesehen am 04.10.2017).

[19] LIDO – kurz für Lightweight Information Describing Objects – ist ein XML-Datenaustauschformat, das in der elektronischen Erschließung von Sammlungsobjekten angewandt wird. Die durch die Dokumentation entstehenden Informationen, die in der Datenverarbeitung als Metadaten bezeichnet werden, können durch die Übereinstimmung definierter Elemente als Pflichtangaben innerhalb des Schemas und anhand übereinstimmender Plattformen mit anderen Institutionen ausgetauscht und geteilt werden.

[20] Die Eingabe „WMF“ und „Rat für Formgebung“ führt zum Bestand mit derzeit 578 Treffern.


Autorin

Esther Neumann, Konservatorin, Stiftung Deutsches Design Museum, Messeturm, Friedrich-Ebert-Anlage 49, 60327 Frankfurt am Main, Germany, Tel. +49-69-7474-8617, Fax +49-69-7474-8619, neumann@deutschesdesignmuseum.de