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Zur Inventarisierung von Fotoalben

Von Timm Starl, Frankfurt a.M.

Ausgangssituation

Im Frühsommer 1992 entschied sich, daß ich mittels eines Stipendiums die Möglichkeit erhalten würde, über einen Zeitraum von zwei Jahren die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich zu untersuchen. Als Ergebnis war eine Ausstellung mit begleitendem Katalogbuch vorgesehen [1]. Zu dem Vorhaben zählte auch eine empirische Untersuchung, die Aufschluß über das Fotografierverhalten von Knipsern geben sollte: über Anlässe, Motivwahl, den Anteil gekaufter Abzüge (wie Bildpostkarten) usw. Als Grundlage der Nachforschungen waren Nachlässe, Konvolute und Alben, nicht jedoch Einzelabzüge außerhalb von diesen vorgesehen. Dabei stand von vornherein fest, daß es sich überwiegend um Material unbekannter Herkunft handeln würde und nur in den seltensten Fällen Nachfragen bei den früheren Eigentümern oder deren Nachkommen getätigt werden könnten. Auch mußte davon ausgegangen werden, daß Museen und Sammler über die vorliegenden Stücke keine für die genannten Absichten ausreichende Aufzeichnungen führen würden.

Es galt also, eine Unterlage zu schaffen, die mehreren Ansprüchen genügen sollte. Enthalten sein mußten all jene Daten, die

Die Nachfrage bei verschiedenen Institutionen ergab, daß keine über brauchbare Aufnahmekarten verfügte. Vielmehr werden für die Registrierung von Alben und Konvoluten in der Regel die vorhandenen Karteikarten verwendet, obwohl diese ursprünglich für die Aufnahme von Einzelabzügen oder Negativen entworfen wurden.

Ich entschied mich daher, ein eigenes Formular zu entwickeln. Wieweit es sich in der Praxis bewährt hat, darüber will ich im folgenden berichten.

Formular

Zunächst sollen einige Erläuterungen zum Aufbau und Inhalt des zweiseitigen Formulars gegeben werden. Zu diesem Zweck sind die einzelnen Blöcke bei dem abgebildeten Exemplar durchnumeriert.

1 Gegenstand, Herkunft, Bearbeitung

Die Katalogisierung erfolgt nach dem/der ehemaligen bzw. letzten Besitzer/in, dem/der eine Nummer zugewiesen wird. Mittels Suffix wird eine Unterteilung nach den einzelnen Stücken vorgenommen. Beispielsweise würden für ein Konvolut, bestehend aus drei Alben und einem Schuhkarton mit losen Einzelfotos sowie einem gesondert gerahmten Abzug, fünf Blätter angelegt, die einzeln numeriert werden (z.B. Nr. 101/1 bis 101/5). Ist nur ein einziges Album eines Knipsers vorhanden, so entfällt das Suffix. Die Daten werden natürlich nur auf dem ersten Blatt eines Nachlasses oder Konvoluts angegeben. Zugleich wird bei der Kennzeichnung in Klammern vermerkt, aus wievielen Teilen dieses besteht (im gewählten Beispiel würde das erste Album mit 101/1 numeriert, das Konvolut angekreuzt und in Klammern 1&endash;5 vermerkt).

2 Fotograf/Inhaber

Nicht immer sind Fotograf/in und Inhaber/in identisch. Innerhalb der Familien werden Alben oftmals von nachfolgenden Generationen aufbewahrt, manchmal auch weitergeführt. Notiert werden in erster Linie die Daten des Fotografen/der Fotografin. Ergänzende Angaben zum Besitzer/zur Besitzerin müssen jeweils als solche gekennzeichnet werden.

3 Album/Aufbewahrung

Ein Titel wird nur eingetragen, wenn sich auf dem Deckel oder im Inneren des Albums (der Mappe usw.) ein entsprechender Vermerk befindet. Unter Inhalt wird kurz eine zusammenfassender Überblick zu den wichtigsten Themen gegeben (z.B. „Urlaub in den Tiroler Alpen" oder „Familie, Arbeitskollegen, Ausflüge"). Unter Bemerkungen sind u.a. Beschädigungen des Albums festzuhalten.

4 Abzüge

Bei den Rubriken Befestigung und Beschriftung müssen keine exakten Zählungen erfolgen, sondern es genügen normalerweise ungefähre Angaben in Prozent. Wesentlich bei der Datierung ist der Schwerpunkt Jahre, d.i. jener Zeitraum, in dem rund 95% der Aufnahmen entstanden sind. Die alleinige Angabe der frühesten und spätesten Aufnahme (von ... bis) ermöglicht später keine Einschätzung des Albums, wenn z.B. nur ein einziges Visitbild der Großmutter von 1886 enthalten ist, alle anderen Aufnahmen aber zwischen den beiden Weltkriegen entstanden sind (es müßte in diesem Fall heißen: „von 1886 bis 1939" und „Schwerpunkt Jahre 1918&endash;1939") Unter Bemerkungen können u.a. Zustandsangaben eingetragen werden.

5 Bilder

Eingeklebt werden Reproduktionen der markantesten Aufnahmen und/oder Albumseiten und/oder Ausschnitte von diesen. Häufig wird der Platz nicht reichen, so daß ein Zusatzblatt angelegt werden muß.

6 Schwerpunkte

Auch eine ungefähre Abschätzung der Anteile der enthaltenen Themen, Motive, Orte und Hersteller erleichtert später die Beurteilung, ob das Album überhaupt für eine bestimmte Fragestellung zu berücksichtigen ist. Ich habe für die einzelnen Themen und Motive folgende Zuordnungen gewählt:

Themen

Motive

Je nach Bedarf können weitere Unterteilungen vorgenommen und unter Block 5 Bilder notiert werden. Beispielsweise könnte die Aufsplittung der Personen in Gruppen- und Einzelporträts von Interesse sein.

7 Technik

Angegeben werden Informationen zur Fotoausrüstung und zur Verwendung von Fotomaterialien, wobei diese bei Knipseralben unbekannter Herkunft allerdings selten bekannt sind.

8 Veröffentlichungen

Bereits erfolgte Veröffentlichungen werden eingetragen, die Abbildungen aus den Publikationen ggf. auf einem gesonderten Blatt reproduziert. Darüber hinaus sind Vorgaben für den Leihverkehr festzuhalten.

9 Bearbeitung

Nachdem die Erstellung der Dokumentation unter Block 1 vermerkt ist, werden hier Personen genannt, die Ergänzungen oder Überarbeitungen vornehmen.

Erfahrungen

Erfaßt wurden zwischen Herbst 1992 und Frühjahr 1994 insgesamt 498 Alben und ca. 155 sonstige Behältnisse (Schachteln, Hüllen usw.) von 269 ehemaligen Besitzern in vier öffentlichen und neun privaten Sammlungen. Von den insgesamt 74.675 Abzügen gelangten 72.388 zur statistischen Auswertung [2]. Dabei stellte sich rasch heraus, daß die manuelle Erfassung ein Fehler gewesen war. Zwar konnten die Ermittlungen der Gesamtsummen der einzelnen Themen und Motive über alle Zeiträume hinweg noch in verhältnismäßig kurzer Zeit angestellt werden, wogegen eine Differenzierung nach Perioden oder anderen Merkmalen bzw. eine Kombination aus diesen ohne Computer in einem vertretbaren Zeitraum nicht zu bewältigen ist. Auch das wiederholte Durchsuchen der Formulare nach Kriterien, die für die Auswahl in Ausstellung und Katalog maßgebend sind, ist auf manuellem Weg zu zeitaufwendig. Sinnvoll ist die Anlage einer Datenbank, um Verknüpfungen von Feldern für statistische Zwecke oder gezielte Nachforschungen vornehmen zu können.

Andererseits vermag man aufgrund der Eintragungen hinsichtlich Inhalt und Bindung (3), Formate, Befestigung und Schwerpunkt Jahre (4), der Bilder (5) sowie der Zustandsangaben (3 und 4) eine Vorauswahl zu treffen, ohne daß die Originale zur Hand genommen werden müssen. Entschieden werden kann z.B., welche Aufnahmen oder Albumseiten für eine Präsentation in Frage kommen oder ob ein einzelnes Albumblatt oder nur das aufgeschlagene Album ausgestellt werden kann (beispielsweise ist aufgrund der Maßangaben abzusehen, ob ein offenes Album auf den in einer Vitrine vorgesehenen Platz paßt).

Allerdings sollten bei der Bindung unbedingt Hinweise vermerkt sein, mit welchem Aufwand die Herausnahme von Albumblättern verbunden ist. Denn auch z.B. bei Kordelbindungen gibt es dermaßen komplizierte Verknüpfungen, daß u.U. von einer Öffnung derselben abgesehen werden muß, weil eine originalgerechte Wiederherstellung nicht gewährleistet ist. Eine Beratung mit den Konservatoren des Museums ist auch deshalb sinnvoll, weil die Aufbereitung von manchen Alben für eine Ausstellungspräsentation ziemlich zeitaufwendig ist und bei der Terminplanung berücksichtigt werden sollte.

Nicht zuletzt wird entsprechend der Schwerpunkte (6) die Bearbeitung nach inhaltlichen und regionalen Gesichtspunkten wesentlich erleichtert.

Damit kann ein erheblicher Teil der Vorbereitungsarbeiten durchgeführt werden, ohne daß die Alben immer wieder zur Begutachtung aus dem Archiv entnommen werden müssen. Dies kostet nicht nur Zeit, sondern wirkt sich über kurz oder lang auch auf den Erhaltungszustand des Materials aus. Und es gilt natürlich gleichermaßen für alle Projekte, bei denen auf die Alben und Abzüge zurückgegriffen wird. Beim Verleih an andere Institutionen können auf-grund der Formulareintragungen Vorschriften im Leihvertrag formuliert werden.

Insgesamt hat sich das beschriebene Aufzeichnungssystem bewährt, jedenfalls bei der Arbeit mit Knipseralben und -nachlässen. Ob es nicht nur für denjenigen, der es entworfen hat, sondern auch für andere Benutzer praktikabel ist, muß sich erst weisen [3]. Für diesbezügliche Hinweise bin ich ebenso dankbar, wie ich für ergänzende Auskünfte gerne zur Verfügung stehe.

Anmerkungen

[1] Die Ausstellung „Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980" fand vom 24. Juni bis 20. August 1995 im Münchner Stadtmuseum statt. Das gleichnamige Katalogbuch erschien 1995 im Verlag Koehler & Amelang, München. Vgl. auch das Interview im RUNDBRIEF FOTOGRAFIE N.F. 7, S. 24&endash;26.

[2] Timm Starl, Die Bildwelt der Knipser. Eine empirische Untersuchung zur privaten Fotografie, in: Fotogeschichte, Heft 52, 1994, S. 59&endash;68.

[3] Die Knipserbestände im Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum (über 400 Alben sowie sonstige Behältnisse mit mehr als 60.000 Abzügen) und in der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie (39 Alben mit rund 4.500 Abzügen) sind inzwischen beinahe vollständig nach dem vorliegenden Formular aufgenommen.

 Aus: Rundbrief Fotografie N.F. 9 (1996), S. 29-33 (Vol. 3, No. 1).



© bei FOTOTEXT Verlag Wolfgang Jaworek, Stuttgart/DE. Angaben ohne Gewähr. Stand: 31.12.2013. Online-Redakteur: Wolfgang Jaworek